Peer Meter und Isabel Kreitz, „Haarmann“

"Haarmann" - Cover (c) Kreitz/Carlsen Verlag

"Haarmann" - Cover (c) Kreitz/Carlsen Verlag

Dass Fritz Haarmann längst zu so etwas wie dem deutschen Jack the Ripper geworden ist, das zeigen Peer Meter und Isabel Kreitz in ihrer Graphic Novel „Haarmann“ allzu deutlich: Ohne jeden Prolog wird man sofort in das Hannover zu Beginn der 20er Jahre gestoßen: Die Leine wurde trockengelegt und man kann den Gestank dieser Kloake eines Flußes förmlich auf der Zunge spüren, so detailliert und deutlich sind Isabel Kreitz‘ Zeichnungen, während gleichzeitig die Geschichte des wohl notorischsten deutschen Serienmörders mitten in dessen mörderischster Phase dargestellt wird.

Fritz Haarmann ist der scheinbar biedere Nachbar, schwul, gehemmt-sadistisch und zugleich ein Spitzel der Polizei, der seine Stellung ausnutzt, um vermeintliche Herumtreiber von der Straße zu holen, diese erst zu vergewaltigen und dann in der Enge seines Zimmers zu erdrosseln. Um die Leiche zu beseitigen zerlegt er diese fachmännisch und erkauft sich mit dem Fleisch kleine Gefälligkeiten und das Wohlwollen seiner Umwelt. Später als auch Haarmanns Vorgesetzte bei der Polizei fürchten müssen, daß dessen Mordserie ruchbar wird und damit ein schlechtes Licht auf sie wirft, will natürlich niemand etwas mit Fritz Haarmann zu tun gehabt haben, und auch zu dem Verbleib des Menschenfleisches kann niemand etwas sagen.

In 7 Kapiteln breiten Peer Meter und Isabel Kreitz ihre Geschichte aus. Um den Mörder Haarmann herum arrangieren sie ein breites Personal an Figuren und geben Ihnen viel Raum, um mit dem Mörder zu interagieren und zu verdeutlichen wie sehr er in der Enge der Häuser und Wohnungen doch integriert gewesen sein muß, damit sein Tun teils aus Opportunismus, teils aus Feigheit so lange ignoriert werden konnte. Doch so sehr einem Horrorschauer über den Rücken laufen mögen, wenn zum ersten Mal deutlich wird, wie arglos die Menschen um ihn herum Haarmanns Fleisch angenommen haben, so schal wird dieser Effekt wenn er immer und immer wieder wiederholt wird. Leider geht die Graphic Novel mit allen Figuren und historischen Details so um: Sie wiederholen sich, laufen mehrmals nach demselben Schema ab, bis irgendwann Haarmann schließlich im falschen Moment eine Polizeistation betritt und eher aus Zufall verhaftet wird: Aus Überheblichkeit läuft der Mörder einer nervös gewordenen Polizei ins Messer.

Die Erzählung hält sich inhaltlich eng an die historischen Fakten. Letztendlich verliert sich die Handlung aber in den dunklen Seitengassen eines Hannovers, das so nicht mehr existiert und dessen Mischung aus Enge, Biederkeit, Feigheit, Opportunismus und Mord in den plastischen Bildern der Zwanziger-Jahre-Expertin Isabel Kreitz (die nicht zuletzt auch die zeitgleich spielenden Erich Kästner-Romane in Comic-Form übertragen hat) in Erinnerung bleibt, während die Geschichte im anekdotischen Morast steckenbleibt. Selbst manch ein fiktionales Werk ist dem Mythos „Haarmann“ schon nähergekommen.
© Philipp

Peer Meter, Isabel Kreitz
„Haarmann“
Carlsen Verlag

ISBN 978-3-551-79107-8

Cover „Haarmann“ (c) Isabel Kreitz/Carlsen Verlag; Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung

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