Carla Speed McNeil, „Finder“

Es gibt wohl derzeit kaum eine andere amerikanische Comicautorin, die zugleich von ihren Kollegen derart bewundert (Scott McCloud, Neil Gaiman und Warren Ellis sind unter anderem begeisterte Fans), soviele Preise gewonnen und vom Publikum derart gemieden wird, wie Carla Speed McNeil. Hatte sie bis vor einiger Zeit ihre bewunderte Serie „Finder“ noch im Eigenverlag und im Netz vertrieben, so wagt sich nun der amerikanische Mini-Major Dark Horse vor und versucht die Serie auch einer größeren Leserschaft zu vermitteln.
"Finder: Voice" - (c) Carla Speed McNeil/Dark Horse
Einer der Gründe warum bisher die breite Masse nicht für „Finder“ zu begeistern war liegt daran, daß das Comic sich kaum klassifizieren läßt. Beispielsweise wird irgendwann einmal sicher jemand eine wissenschaftliche Arbeit mit dem Titel „Architektonische und psychologische Räume im Werk von Carla Speed McNeil“ verfassen und zugleich wird dieses Werk nur ein Bruchteil dessen umfassen, was „Finder“ ausmacht. Die Autorin selber bezeichnet ihr Werk als „Aboriginal Sci-Fi“, was auf jeden Fall der Sache ziemlich nahekommt, aber dann doch auch wieder in die Irre führt, denn so sehr Sci-Fi ist „Finder“ trotz merkwürdiger Kreaturen, bizarrer Technik und fremdartiger Gesellschaftsformen garnicht.

Am besten nähert man sich „Finder“ als eine komplexe, ausufernde Familiengeschichte. Die Figuren sind die Mitglieder der Familie Grosvenor, die von starken Frauenfiguren dominiert wird, die allerdings alle gegenüber ein und demselben Mann schwach werden: Jaeger (Ja, wie im Deutschen ausgesprochen!), einem herumlungernden Vagabunden, ein Mann mit animalischen Instinkten und Reflexen und demselben Sexappeal. Jaeger ist vielfach so etwas wie die Hauptfigur der Serie, da er durch sein unstete Natur den Leser auf Entdeckungsreisen mitnimmt. Dennoch kehrt die Erzählung immer wieder zu den Grosvenors zurück: Der Mutter Emma, die ihren psychotischen Mann mit Jaeger betrügt; die heranwachsende Rachel, die nicht nur heimlich Jaeger begehrt; der unstete Lynne, der mit seinem Schicksal als Hermaphrodit (wir haben es mit SF zu tun!) hadert und Marcie, die jüngste, die die eigenständigste von allen ist, aber genau deswegen immer wieder einsam ist.

Dazu kommt eine Vielzahl an Nebenfiguren, Geschichten um komplexe, vielschichtige Familienintrigen, Obsessionen und ungestilltem Verlangen nach einem anderen Leben und dabei demonstriert Carla Speed McNeil ihre größte Stärke: Sie taucht in die Psychologie der Figuren ein, verweilt bei ihnen und erkundet ihre Psyche bis in die dunkelsten Abgründe hinein und zieht dabei trotz aller oberflächlicher Action daraus Konflikte, die die ganze Familie und die Figuren umtreiben.
Rachel Grosvenor in "Voice" - (c) Carla Speed McNeil/Dark Horse
Das ihre Fantasie weiter reicht demonstriert die Autorin und Zeichnerin mit Geschichten, die sich außerhalb des Familien-Kosmos zutragen (vor allem in den Erzählbögen „King of the Cats“ und „Elsewhere“), doch auch hier dominieren die komplexen Beziehungen der Figuren untereinander, die sie antreiben und die Geschichte weiterentwickeln. Genau deswegen gibt es derzeit nichts auf dem Comicmarkt was „Finder“ auch nur im Ansatz ähneln würde, es sticht vollkommen zwischen allem Kommerziellen und Formelhaften heraus.

Auch wenn manche sich an Carla Speed McNeils einfachem, aber immer angemessenem Zeichenstil stören mögen, der sicherlich nicht dem oberflächlichem Glanz vieler erfolgreicherer Comics standhalten kann, wenn große Kunst bedeutet etwas Neues, Einzigartiges zu schaffen, dann gibt es kaum etwas, was derzeit mit „Finder“ vergleichbar wäre.

Anmerkung: Bei Dark Horse liegt zur Zeit die sehr umfangreiche „Finder Library Vol. 1“ vor, die die Geschichten um die Grosvenor-Familie zusammenfaßt, sowie der inhaltlich daran anschließende Band „Voice“. Die eigentlich Serie ist leider zur Zeit vergriffen und umfaßt weitere Erzählbögen.

Carla Speed McNeil
„Finder Library Vol. 1“
Dark Horse
ISBN-10: 1-59582-652-1
ISBN-13: 978-1-59582-652-7

Carla Speed McNeil
„Finder: Voice“
Dark Horse
ISBN-10: 1-59582-651-3
ISBN-13: 978-1-59582-651-0

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3 Kommentare zu Carla Speed McNeil, „Finder“

  1. Christina H. schreibt:

    „Beispielsweise wird irgendwann einmal sicher jemand eine wissenschaftliche Arbeit mit dem Titel “Architektonische und psychologische Räume im Werk von Carla Speed McNeil” verfassen…“

    Nah dran! Meine Magisterarbeit hieß „Social and spatial boundaries in the comics of Carla Speed McNeil“. Psychologie kam aber auch ein bißchen drin vor – und Grenzen definieren natürlich Räume…

    Freue mich immer sehr, auch in Deutschland die eine oder andere Finder-Rezension zu finden!

  2. Christina H. schreibt:

    Whoops.

    Obiger Kommentar war mit falscher Mailadresse… nicht, dass ich erwarte, kontaktiert zu werden (weshalb auch?), aber der Höflichkeit halber hier nochmal die richtige.

  3. Philipp schreibt:

    Vielen Dank für den Kommentar.
    Ich bin beeindruckt, dass es offensichtlich doch schon möglich ist Carla Speed McNeils Comics zum Thema einer wissenschaftlichen Arbeit zu machen. Mit Sicherheit ist sie eine der Autorinnen, die das besonders verdient.

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