Viktorianisches Literaturleben und Johan von Riepenbreuch

Frau Magister Koepping, die als Journalistin und Sprecherin in Berlin arbeitet, hat sich als Literatur- und Kulturwissenschaftlerin den Texten des Johan von Riepenbreuch genähert und ist zu einigen interessanten Schlussfolgerungen gelangt.

Aubrey Beardsley - Apotheose. Illustration zu Oscar Wildes SalomeFrau Magister, wie sind Sie auf Johan von Riepenbreuch aufmerksam geworden?

Ich wünschte sagen zu können, ich hätte im Werk von Oscar Wilde oder von Aubrey Beardsley eine lobende Erwähnung oder zumindest einen kleinen Hinweis gefunden. Aus den hinterlassenen Schriften von Riepenbreuchs geht klar hervor, dass sie in denselben Kreisen ein und aus gingen. In den Tagebüchern von Violet Hunt, einem hierzulande wenig bekannten weiblichen enfant terrible der damaligen Literaturszene fand ich schließlich Andeutungen, die auf eine Bekanntschaft der beiden schließen ließen. Wie gut diese Bekanntschaft war, das muss ich jetzt mal dahingestellt lassen…
Allerdings war das erst, nachdem mich Das wilde Dutzend auf von Riepenbreuch angesprochen hat.

Violet Hunt Collection Princeton Library - BriefJohan von Riepenbreuch und Violet Hunt hatten also eine Affäre?

Nun, Violet Hunt galt u.a. wegen ihrer zahlreichen Liebschaften als „enfant terrible“ – ausgeschlossen ist es also nicht. Ihr Ruf war schon allein wegen ihrer Schriftstellerei, mit der sie sich den eigenen Lebensunterhalt verdiente, angekratzt. Besonders interessant sind ihre Tagebücher.

Als Kennerin der viktorianischen Zeit, wie würden Sie die Themenwahl von Riepenbreuchs einschätzen, Frau Magister?

Beeinflusst von seinem Leben. So exotisch der Beruf des Totenfotografen oder des Anatoms für uns heutzutage klingen mag (zwei Berufe, die von Riepenbreuch vermutlich ausübte, Anm. des Verlags), so fast schon gewöhnlich waren diese Tätigkeiten am Ende des 19. Jahrhunderts in England. Die Kindersterblichkeit war immer noch hoch und das aufstrebende Bürgertum wollte ein letztes Andenken an seine toten Kinder behalten – dann machte man eben noch schnell ein Foto vor der Beerdigung, möglichst rausgeputzt und hin drapiert. Es ist vermutlich diese Art der Inszenierung, die für uns so absurd erscheint. Gleichzeitig dokumentiert die viktorianische Totenfotografie auch einen Widerspruch der Zeit: Begeisterung für die neuesten technischen Mittel bei gleichzeitigem Festhalten am Vergangenen.

Die morbide Grundstimmung und die Grausamkeit, die viele Gedichte von Riepenbreuchs durchziehen, sind also ein Signum der Zeit?

Absolut! Allein die Werke der Präraffaeliten wimmeln ja nur so von schönen toten oder zumindest schlafenden Frauen, die nicht von dieser Welt scheinen. Auch einige grausame Frauenfiguren tauchen auf. Mörderische Frauen gibt es auch zur Genüge bei von Riepenbreuch, die Opfer sind bei ihm aber vor allem Kinder. Kein Stoff für zarte Seelen, das stimmt. Wer weiß, was er in seiner Praxis als Totenfotograf alles an abenteuerlichen Kindstoden erlebt hat. Wir dürfen nicht vergessen, dass er –vermutlich bei seiner kurzen Zeit in Berlin – am medizinischen Kolleg Unterricht nahm und so manchen vermeintlich natürlichen Tod aufdecken konnte.

Totenfotografie von Ebeneeza KSie vermuten also, dass er in seinen Gedichten wirklich grausame Tatsachen abgebildet hat?

Zweifelsohne! Klar dürfte auch sein, dass er diese Realität kritisieren wollte. Erstaunlich finde ich eher, dass er um die sechzig, siebzig Jahre vor Edward Goreys „The Gashlygrumb Tinies“ bereits derartig skurril mit dem Thema umging. Zu diesem Eindruck tragen aber mit Sicherheit auch die kongenialen Illustrationen seiner Ururenkelin, Ebeneeza K bei. Ein passendes Pseudonym übrigens, wobei es mich ja schon sehr interessieren würde, wie die Loge Das wilde Dutzend von Riepenbreuch und Ebeneeza K gefunden hat. Ist Ebeneeza K denn nun auch Logenmitglied, wie wird man das denn eigentlich, das konnte ich noch nicht herauskriegen?

Nun, als Loge auf der Jagd nach Geheimnissen der Literaturgeschichte können wir natürlich nicht alles verraten…

Schade! Ich hoffe aber sehr auf weitere spannende Entdeckungen. Und auf alle anderen Geschichten. Es wird gemunkelt, dass es bald wieder etwas Neues geben soll

Ja, wir sind in der Planung unseres nächsten Projekts. Bis zum nächsten Buch wird es aber noch ein paar Monate dauern. Bei einem Umzug sind wir auf ein paar sehr interessante allerdings noch geheime Fakten rund um die Loge gestoßen, die wir bald publik machen können.

Haben Sie nicht vorher etwas von einer „Adele“ erzählt?

Frau Magister, Ihnen herzlichen Dank für das Gespräch und bis zu unserer nächsten Lesung!

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