Adele entert die Pépinière

Adele würgte, noch bevor sie die Augen öffnete. Dieser Geruch! Widerlich, absolut widerlich. Faul-süßlich bis scharf-stechend, als wären Medizin und Berliner Unterwelt eine ungesunde Hochzeit eingegangen. Mühsam fuhr sie sich über die Augen, richtete sich auf und lehnte sich erschöpft gegen die kühle, sandige Mauer. Ihr dunkler Anzug, hier im Morgengrauen viel zu elegant, hatte etliche Risse, aber zumindest saß er noch. Der Abbinder, selbst die Perücke – alles war an seinem Platz. Nur auf den Manschetten waren braune Flecken zu sehen. Erschrocken bewegte sie Arme und Beine und stand erleichtert auf. Ihre Zunge war pelzig, ein metallischer Geschmack lag darauf, als hätte ihr jemand eine rostige Pistole in den Mund gesteckt – oder hatte sie sich gebissen? Adele spuckte kräftig aus und erinnerte sich: Nein, das Blut war nicht ihres gewesen.

Pepiniére Studierzimmer um 1900Diese vergnügungssüchtigen Militärs hatten sich etwas Besonderes für ihre Frischlinge ausgedacht. Mit einem Skalpell in der Hand und verbundenen Augen sollten sie eine Sektion durchführen – an einem lebenden Menschen, so hatte es zumindest geheißen. Nicht nur einer war eingeknickt, hatte sich mit heftig zitternden Händen und Knien auf den Boden sinken lassen, hilflos schluchzend, weil er ahnte, er habe die Aufnahmeprüfung nicht bestanden. Die Mutigeren unter ihnen schluckten schwer und schnitten beherzt, doch das darauf folgende Kreischen ließ ihnen das Blut in den Adern gefrieren – hatten sie jemanden umgebracht? Adele und Hellemann hatten sich in den Schatten eines Torbogens des alten Kellers zurückgezogen und die Köpfe geschüttelt. Ganze drei Schweinehälften lagen unter den weißen Leinentüchern und gaben die zu Operierenden. Auf Kommando quietschte einer der Kadetten in jämmerlichster Art und Weise auf, sobald das Skalpell die dicke Schweinehaut perforierte. Keiner der jungen Anwärter kam ohne Schock aus diesem Ritual und alle sprachen hinterher um so mehr der freundlich dargebotenen Erfrischung zu. Adele gähnte laut. Sie selbst hatte den ihr dargebotenen Hochprozentigen in regelmäßigen Abschnitten in einen der verkrusteten Eimer gekippt. Es würde sie nicht wundern, wenn die hohen Herren medizinischen Alkohol ausgeschenkt hätten, zumindest gerochen hatte er so.

„Himmeldampfturbinendrecknocheins!“, erscholl es da laut und vernehmlich hinter ihr. Adele fuhr herum, gerade noch rechtzeitig, um den angeschlagenen Hellemann aus einem Haufen Unrat hinter sich torkeln zu sehen. „Teuerster, haben wir gestern zu sehr gefeiert oder habe ich einen Schlag auf den Allerwertesten erhalten?“ Adele grinste breit. „Normale Menschen, mein Lieber Herr Kunstphotograph, würden als ihren Allerwertesten eine Region etwas tiefer bezeichnen. Und so ich mich erinnern kann, haben sie dorthin jedenfalls nichts abbekommen.“ Hellemann feixte wohlwollend zurück. Der dunkelhaarige Knabe mochte aussehen wie ein Pennäler, an Schlagfertigkeit und Standhaftigkeit mangelte es ihm jedenfalls nicht. Hellemann klopfte sämtliche Taschen seines großzügig geschnittenen Umhangs ab, förderte erst eine Zigarre, dann einen Schneider, ein goldenes Feuerzeug und zum Schluss eine Rolle Papiere hervor, die er Adele in die Hand drückte, während er sich an sein Rauchritual machte. Beißen, Spucken, Nachstutzen, Paffen und hinter einer Nebelwand Zigarrenduft verschwinden. Adele beachtete ihn gar nicht weiter. Sie war einfach nur froh, dass sich ihr Ausflug (und der eher unbequeme Ende dieser Nacht) gelohnt hatte. In der Hand hielt sie die Unterlagen von Johan von Riepenbreuch – oder besser „Johan Breuch“; wie er sich hier genannt hatte. Tatsächlich schien er ein eifriger Student gewesen zu sein, jede Klasse hatte er mit Bravour bestanden, sicher hätte ihm eine Karriere gewunken, wenn – ja wenn er nicht von einem Tag auf den anderen urplötzlich verschwunden wäre, 1991. Gerade mal 1 Jahr trennte ihn noch vor dem Abschluss seiner Ausbildung. Adele besah sich die letzten Blätter genauer. „Ach sieh an, der gute Virchow scheint ja nur Gutes über Ihren verschwundenen Freund zu sagen haben“, Hellemann spähte über ihre Schulter.

„Kennen Sie Ihn persönlich?“

„Wer kennt ihn nicht“, der massige Photograph strich sich über seinen Walroßschnauzer.

„Gut genug, um uns einen Termin zu besorgen?“

„Das muss ich gar nicht. Virchow hält heute einen öffentlichen Vortrag über sein Lieblingsthema: Die Medizin, die Scharlatane und das Nutzen von überprüfbaren Wissen. Und zwar exakt in einer Stunde. Das reicht für ein ordentliches Katerfrühstück und dafür, uns frisch zu machen. Meine Pension ist gleich um die Ecke.“

Nun ja, dachte Adele bei sich, da habe ich das Problem. Was tun? Hellemann ins Vertrauen ziehen, dass sie eine Frau war und sich ein – wenn auch sicher zu großen – Anzug von ihn leihen oder Virchow versuchen, irgendwann später zu treffen???

 

Kategorien Adele | tagged , , , , , , | Bookmark permalink

Kommentare sind geschlossen.

  • Glossar
    Das wilde Dutzend Verlag
  • Facebook
  • Kontakt
    Das wilde Dutzend Verlag
    Hagenauerstr. 2
    D-10435 Berlin
    fon: 030 28 88 31 99
  • Google+
  • Newsletter
    Monatliche News aus Berlin
    * indicates required
  • Adeles Salon
    Das wilde Dutzend Verlag
  • Tagcloud