Chevalier & Ségur, Légendes des Contrées Oubliées

1987 liegt etwas in der Luft. Die Comic-Welt ist sich dessen bewußt, daß sich etwas ändern wird, doch noch ist die Richtung nicht entschieden. In den USA ächzt das Duopol aus Marvel und DC unter dem zeitgleichen Ansturm von Alan Moore’s „Watchmen“ und Frank Miller’s „The Dark Knight returns“. Doch das Geschäft der Verlage mit Spiderman #285 und Superman-Film Nummer 4 sollte noch bis 1992 mit der Gründung von Image Comics unverändert weitergehen.

In Frankreich ringt mit „Métal hurlant“ eine der letzten Ikonen der Comic-Avantgarde aus den 70ern nach dem Ausstieg der letzten namhaften Künstler mit dem Tod und wird noch im selben Jahr eingestellt werden. Wie in den USA konsolidieren die großen „D-Verlage“ Dupuis, Delcourt und Dargaud ihr Geschäft und erst 1990 sollte mit der Gründung von L’Association wieder eine (zuerst wenig beachtete) Gegenbewegung zu spüren sein.

1987 ist kein gutes Jahr für Innovationen, vor allem aber nicht im Bereich der immer mehr in Formeln erstarrenden Fantasy. „Métal hurlant“ (beziehungsweise sein amerikanischer Ableger „Heavy Metal“ und sein deutscher „Schwermetall“) hatten das Feld spätestens zu Beginn der 80er Jahre abgesteckt und endgültig als Spezialgebiet für die testosteronsüchtigen Lederkuttenträger der sich in den 80ern bildenden Heavy Metal-Szene definiert.

Nur zwei Comics sollten sich diesem Trend (wenn auch teils wiederwillig) entgegenstellen: Das eine war 1983 „Auf der Suche nach dem Vogel der Zeit“ („La Quête de l’oiseau du temps“), das Régis Loisels Weltkarriere begründen sollte und von dem 1987 der letzte Band erschien. Das andere war das 1987 erscheinende „Légendes des Contrées Oubliées“ von Szenarist Bruno Chevalier und Zeichner Thierry Ségur. Zusammen mit dem revisionistischen und den Trend umkehrenden „Chroniken des Schwarzen Mondes“ („Chroniques de la Lune Noire“) von 1989 sollten sie das Dreigestirn des französischen Fantasy-Comics bilden, bis Trondheims und Sfars „Donjon“ 1998 das inhaltlich darbende Genre endgültig auf dem Altar der Ironie opferte.

Während „Auf der Suche nach dem Vogel der Zeit“ und „Chroniken des schwarzen Mondes“ sich in Deutschland einer gewissen Popularität erfreuten, war „Légendes des Contrées Oubliées“ weniger Erfolg beschieden: Unter dem Titel „Zeit der Asche“ wurde es ausgerechnet in der Reihe „Schwermetall präsentiert“ im Alpha Comic Verlag vertrieben, verschwand aber Ende der 90er endgültig vom Markt. Auch in Frankreich sah es lange Zeit nicht besser aus, doch 2010 nahm sich Verleger Delcourt des lange vergessenen Comics an und brachte die ehemals drei Bände in einer Gesamtausgabe neu heraus.

Auch wenn es wichtig ist das zeitliche Umfeld des Erscheinens von „Légendes des Contrées Oubliées“ zu verstehen, so wird dem Leser wahrscheinlich schon mit dem Aufschlagen der ersten Seite klar, warum dieses Comic zwar niemals ein großer kommerzieller Erfolg, aber unter Künstlern ein ständig präsenter Referenzpunkt sein sollte: Sich windende organische Formen, krabbelnde, widerwärtig humanoide Käfer und eine Landschaft, die eher an einen fremden Stern erinnert. Das alles gezeichnet mit unruhiger Tusche und einer merkwürdig abstrakten, blassen Farbgebung. Schon auf der Bildebene konnte der Bruch mit der heilen Welt der Fantasy-Romane à la Tolkien und zugleich der bluttriefenden Ikonografie des „Heavy Metal“ im Stile eines Frank Frazetta kaum größer sein.

Blut fließt zwar auch im Verlauf der Geschichte in Strömen und auch das Standardrepertoire der Fantasy mit ihren Abenteurergruppen, Drachen und Burgen wird oberflächlich eingehalten, doch Chévalier und Ségur dehnen das Genre bis zur Zerreissprobe. Die Figuren sind Getriebene, im Laufe der Geschichte bleibt nichts von den edlen Helden übrig, die nur Schachfiguren in einem absurden Kampf von überaus sterblichen, aber nichtsdestotrotz äußerst mächtigen Göttern sind. Und diese Götter, die mehr mit H.P. Lovecraft oder H.R. Giger zu tun haben als mit J.R.R. Tolkien, beugen sich nicht mehr dem Fantasy-Schema von Gut und Böse. Auch Ehre, Heldentum, romantische Liebe und alle anderen Werte der „Heroic Fantasy“ ersticken im Schlamm der Abgründe durch die Hauptfiguren waten müssen.

Dabei ist „Légendes des Contrées Oubliées“ dennoch von der ersten bis zur letzten Seite immer noch äußerst spannend zu lesen und stellt trotz den mehr als 20 Jahren immer noch einen der radikalsten Ansätze innerhalb des Genres dar. Das Chevalier und Ségur damit kein kommerzieller Erfolg beschieden war, ist wahrscheinlich nicht zuletzt genau dieser Radikalität zuzuschreiben. Beide kehrten schließlich der Comic-Szene den Rücken und es sollte sich bis heute niemand finden, der den Stab dort aufnehmen würde, wo „Légendes des Contrées Oubliées“ ihn einmal hatte fallen lassen.

 

Bruno Chevalier, Thierry Ségur
Légendes des Contrées Oubliées
Delcourt
ISBN 978-2-7560-2418-9

Die deutsche Ausgabe „Zeit der Asche“ ist im Alpha-Comic Verlag erschienen und mit etwas Glück archivarisch erhältlich.

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