Tobin und Coover, Gingerbread Girl

Im Laufe von „Gingerbread Girl“ erfährt man so einiges über Annah Billips: Sie ist eine Verführerin, eine Angestellte in einem Buchladen, sie geht mit Männer und Frauen aus und findet Afros total sexy. Außerdem ist sie davon überzeugt, dass ihr Vater ein verrückter Wissenschaftler war, der ihr einen Teil des Gehirns entfernt hat, um daraus einen Zwilling zu erschaffen: Ihre Schwester Ginger. Durch die Folgen dieser Operation fühlt Annah nichts mehr, ihre Empfindungen erscheinen ihr selber fremd, stattdessen ist es Ginger, die alles umso intensiver wahrnimmt.

Die Handlung umfaßt einen Abend an dem Annah mit Chili Brandels ausgeht: Sie besuchen abends ein paar Gallerien, einen 24-Stunden-Shop, ein Hausdach, von dem sie auf die Stadt hinuntersehen und laufen durch einen Park. Dabei teilen die verschiedensten Figuren auf dem Weg dem Leser ihr Wissen über Annah mit. Ein Reigen von Informationen kreist um die Frage, ob Annah tatsächlich eine Schwester hat oder vielleicht doch eher ein psychisches Problem…

Die Geschichte von dem erfahrenen Autoren Paul Tobin (der unter anderem für Marvel an den fortlaufenden „Spiderman“-Serien geschrieben hat) und der populären Independant-Künstlerin Colleen Coover (nicht zuletzt bekannt für ihr Debüt „Small favors“) entspinnt sich nebenher, die Statements der verschiedenen Figuren sind manchmal mehr, manchmal weniger informativ (auch ein Hund und eine Taube kommen zu Wort!). Wer also Action erwartet, wird sich mit diesem rund 100seitigen Comic kaum anfreunden können.

Für alle anderen, denen das Versprechen einer ungewöhnlichen Geschichte das metaphorische Wasser im Munde zusammenlaufen läßt, hat „Gingerbread Girl“ die besten Vorraussetzungen: Zwei erfahrene, etablierte Künstler, eine interessante Prämisse und eine ansprechende Gestaltung in Colleen Coovers klarem Zeichenstil, der in seiner dreifarbigen Umsetzung vielfach düsterer wirkt als vieles, was sie zuvor gemacht hat.

Doch leider bleibt das Versprechen bis zum Ende unaufgelöst: Auch wenn immer wieder ausgesprochen unterhaltsame Details auftauchen, bleiben die zu Worte kommenden Figuren nicht nur eine Antwort, sondern meistens sogar eine klare Haltung schuldig. Vielfach sind sie dabei auch kaum mehr als Sprachrohre der beiden allwissenden Schöpfer von „Gingerbread Girl“, die das Rätsel nicht auflösen wollen, sondern uns stattdessen zeigen, warum Annah trotz ihrer Widersprüche und Probleme eine faszinierende Person ist.
Das ist sie durchaus. Aber das Comic „Gingerbread Girl“ leider nicht unbedingt.

 

Paul Tobin, Colleen Coover
Gingerbread Girl
Top Shelf Productions
ISBN 978-1-60309-080-3

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