Chester Brown, Paying for it

Chester Brown ist der viel gefeierte Autor/Zeichner von „Louis Riel“ und Autobiographic Comics wie „The playboy“ und „I never liked you“. Dass Chester Browns Werk in erster Linie autobiographisch ist, ist ein Schlüssel zu „Paying for it“, denn das Buch macht es einem schwierig. Der Untertitel „A comic-strip memoir about being a john“ (frei übersetzt: Comic-Erinnerungen über das Freier-sein) gibt zwar bereits eine Richtung vor, aber… Aber der Reihe nach.

In bester Tradition der introspektiven Autobiographic Comics, die Chester Brown selber entscheidend mitgeprägt hat, handelt das Buch von ihm selber. Er versucht nachzuzeichnen, wie er 1996 seine letzte traditionelle Mann-Frau-Beziehung aufgab, um daraufhin bis zum Ende des abgebildeten Zeitraums (2010) ausschließlich sexuelle Kontakt mit verschiedenen Prostituierten zu haben. Begegnungen mit diesen (die zwar sexuelle Handlungen darstellen, aber nicht unbedingt als etwas begehrenswertes) stellt den einen Teil des Buches dar. Der andere Teil sind die Gespräche mit seinen Freunden, denen er gegenüber er seine Entscheidung nur noch mit Prostituierten zu verkehren als einen radikalen Bruch mit den Vorstellungen über romantische Liebe darstellt.

Anhand dieses Bruchlinie funktioniert das gesamte Buch: Einerseits als eine schonungslose Selbstdarstellung, andererseits als ein Programm. Denn Chester Brown beläßt es nicht bei der bloßen Darstellung, sondern propagiert seine Ansicht, warum er Prostitution nicht nur für legal und richtig hält, sondern auch warum er sie als „ehrlicher“ empfindet als klassische romantische Mann-Frau-Beziehungen. Dabei werden nicht weniger als 50 der knapp 300 Seiten des Buches von einem Anhang eingenommen, der dies auch weiter untermauern soll.

Auch wenn es schwierig sein mag, das Programm des Buches beseite zu lassen, vor allem, wenn man mit Chester Browns Ansichten nicht übereinstimmen mag, so ist „Paying for it“ zwar ein in seiner strengen Nüchternheit schwer konsumierbares, aber überaus interssantes Comic. In klarem Schwarz-Weiß und einem minimalistischen Layout gehalten, fällt es extrem schwer überhaupt ein anderes Comic, einen Roman, eine Dokumentation, einen Film oder irgendein anderes künstlerisches Werk zu finden, dass dieses Thema betrifft und so wie hier dokumentiert.

Ist es falsch, was Chester Brown tut? Ist es richtig? Ist er ein Narr, wenn er glaubt dass romantische Beziehungen kultureller Ballast sind? Ist ehrlicher als andere Männer, wenn er Beziehungen auf das rein sexuelle reduziert?
Wie auch immer man darauf antworten mag, „Paying for it“ gibt einem das Gefühl, dass er uns gegenüber ehrlich ist und nur deswegen kann man überhaupt darüber reden.

 

Chester Brown
Paying for it
Drawn & Quarterly
ISBN 978-1-77046-048-5

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