Ellis und Duffield, Freakangels

Irgendwann in einer nicht allzu fernen Zukunft: London ist überflutet, nur einzelne Stadtteile erheben sich aus dem Wasser und erlauben ein mal mehr, mal weniger menschliches Leben. Ein Refugium in dieser post-apokalyptischen Welt ist der Londoner Bezirk Whitechapel, „Freakangels‘ Territory“. Dieser Bezirk findet sich unter der Kontrolle von 11 sehr unterschiedlichen Jugendlichen mit übernatürlichen Fähigkeiten, die versuchen so etwas wie eine Gemeinschaft in dem Chaos zusammenzuhalten.

Doch dem Leser offenbart sich schnell, dass es nicht das Chaos von außen ist, dass sie gefährdet, sondern das Chaos in ihnen: Das zwölfte Mitglied der Freakangels, Mark, schickt ihnen telepathisch manipulierte Killer auf den Hals; Sirrka und Jack spielen emotionale Spielchen miteinander; Connor hat von den anderen nur noch die Nase voll; Kait träumt von einem faschistoiden Polizeistaat und Luke tut alles, um zu einem ausgewachsenen Psychopathen zu werden…
Die Geschichte entfaltet sich langsam und offenbart immer neue Facetten der Freakangels, die langsam in eine Rolle hineinwachsen, die sie eigentlich nie annehmen wollten: Die Retter von so etwas wie Zivilisation in dem Chaos, dass nach einer von ihnen selber angerichteten Katastrophe übrig geblieben ist.
[Da „Freakangels“ als Webcomic erscheint, möchte ich an dieser Stelle nicht zuviel der Handlung verraten. Wer die Prämisse spannend findet kann den Rest einfach hier weiterlesen…]

Mit „Freakangels“ hat einer der Comic-Götter sich in die Niederungen der Webcomics begeben: Warren Ellis, Schöpfer unter anderem von „Transmetropolitan“ und einer der verspäteten Mitglieder der „British invasion“ der amerikanischen Comicwelt. Natürlich sind die Erwartungen ziemlich hoch, vor allem, da Webcomics meistens ausschließlich vom Enthusiasmus ihrer häufig jugendlichen Macher leben und nicht dafür bekannt sind große Gewinne zu generieren („Penny Arcade“ ist die radikale Ausnahme von der Regel).

Als Serientäter bekannt und in diesem Format mit jeder Freiheit ausgestattet, bedient sich Warren Ellis mächtig wo und wie es ihm gefällt: Neben dem klassischen „Coming-of-age“ in dem von Jugendlichen erzählt wird, die Verantwortung übernehmen müssen, gibt es haufenweise Steam-Punk, post-apokalyptische Szenarien, ein bißchen Superhelden, Intrigen und surrealistischen Thriller. Wenn man „Akira“, „Mad Max“ oder „Die grüne Wolke“ wiedererkennt, dann ist das mit Sicherheit kein Zufall. Da im Zentrum allerdings immer die Charaktere und ihr erzwungene Zusammenarbeit stehen wird dies nie langweilig. „Freakangels“ zieht einen sehr großen Teil seiner Spannung daraus, dass man einfach wissen möchte, ob Luke nun endgültig für Tote sorgen wird oder Kait ihren Machtfantasien erliegt.

Die langsame Publikationsweise der Webcomics wird noch zusätzlich durch Duffields großen Bilder verstärkt, die zumeist 2×2 auf einer Seite arrangiert, ohne jede Form von Speedlines auskommen und so das Gefühl erzeugen einer Geschichte in Slow-Motion zu folgen. Gemeinsam mit Warren Ellis‘ Geschichte entwickelt sich so ein langsamer Sog, der die Geschichte spannend hält und den Leser (ideal für Webcomics) immer wieder zurückführt.

„Freakangels“ ist wahrscheinlich weder das beste Webcomic, noch Warren Ellis‘ bestes Werk, aber es ist spannend, mehr als ansehnlich und kostenlos. Noch Fragen?

 

Warren Ellis, Paul Duffield
Freakangels
Die Printausgabe erscheint bei Avatar Press

Kategorien Blog | tagged , , , , , , , , | Bookmark permalink

Kommentare sind geschlossen.

  • Glossar
    Das wilde Dutzend Verlag
  • Facebook
  • Kontakt
    Das wilde Dutzend Verlag
    Hagenauerstr. 2
    D-10435 Berlin
    fon: 030 28 88 31 99
  • Google+
  • Newsletter
    Monatliche News aus Berlin
    * indicates required
  • Adeles Salon
    Das wilde Dutzend Verlag
  • Tagcloud