Graphic Novel – Nate Powell, Any Empire

Eine Exekution, Schildkröten mit eingeschlagenen Panzern, Wurfsterne, G.I. Joe und Granaten im Sonderangebot: Eine amerikanische Kleinstadt in einer nur andeutungsweise erkennbaren Vergangenheit (späte 80er oder frühe 90er). In einer Atmosphäre aus Militarismus und sozialen Verwerfungen wachsen Lee, Sarah und Purdy auf. Sie besuchen die gleiche Schule, ihre Zusammentreffen ist immer nur zufällig, aber von Gewalt überschattet: Weil Sarah nicht von den brutal zugerichteten Schildkröten los kommt; weil Lee irgendwie den agressiven Purdy cool findet, aber sich schließlich von ihm ab- und Sarah zuwendet.

Später wird Sarah Sozialhelferin, Lee wird ein zielloser Punk und Purdy geht zum Militär, um in einen Krieg irgendwo in der Ferne zu ziehen. Doch dort bleibt der Krieg nicht, sondern er kehrt zurück und damit überschneiden sich die drei Lebenswege wieder.

Bereits von der Grundkonstellation her ist zu erkennen, wie metaphorisch Nate Powells „Any Empire“ angelegt ist, doch auf den ersten Seiten ist nicht viel davon zu spüren: Nate Powells dichte Tuschezeichnungen mit ihren großen präzise Schwarz- und Weißflächen ziehen den Leser in diese amerikanische Kleinstadtwelt hinein. Manchmal drängen sich die Bilder zusammen, mal ist eine ganze Seite ein einziges weitläufiges Panorama in denen sich die Figuren verlieren. Und dann marschieren auch schon mal allegorische Figuren auf…

Doch genau da liegt die größte Schwachstelle des Buches: Während der Leser am Anfang an einer authentischen, realistischen Welt teilhat, deren Figuren mal mehr, mal weniger sympathisch und aber immer nachvollziehbar sind, vollführt „Any Empire“ im letzten Drittel eine Wendung ins surrealistische, nur um seine (romantisch-naive) Botschaft dem Leser einzuhämmern. Das sich dabei eine der Figuren verrät, dass die Überwindung des vorher als so omnipräsent dargestellten Militarismus nur etwas Muskelkraft erfordert…? Sei’s drum!

Mein persönliches Problem mit dem Buch ist, dass ich eigentlich ein Fan von Nate Powells bisherigem Werk („Please release“, „Swallow me whole“, „Meathaus“, etc.) bin. Das Konzept und die erste Hälfte von „Any Empire“ haben mich begeistern, doch spätestens das letzte Drittel wirkt für mich überhastet und wie eine vertane Chance. Das soll nicht heißen, dass „Any Empire“ eine schlechte Graphic Novel ist, aber für mich hat es einen sehr faden Beigeschmack, wenn ich daran denke wie die zweite Hälfte hätte aussehen können.

Nate Powell
Any Empire
Top Shelf Productions
ISBN 978-1-60309-077-3

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