Graphic Novel – Osamu Tezuka, The Book of Human Insects

In „The Book of Human Insects“ taucht auf den ersten Seiten ein Buch auf. Sein Titel? „The Book of Human Insects“! Und so wie bereits der Titel mit sich selber spielt, so entfaltet sich die Geschichte um Toshiko Tomura, eine erfolgreiche Autorin, Schauspielerin, Designerin. Umjubelt und bewundert (nicht zuletzt von Männern, die ihr zu Füßen liegen) scheint ihr alles was sie anzufasst zu gelingen.
Ein Sensationsreporter, der in sie vernarrt ist, macht sich auf um abgründiges in ihrer Biografie aufzutun. Doch ehe er sich versieht verschlingen ihn die Abgründe und wenig später darauf ist er tot. Umgebracht von einem der vielen Männer, die Toshiko Tomura für ihre Zwecke ausnutzt.

Denn Toshiko Tomuras Geheimnis ist, dass sie die perfekte Imitatorin ist. Keine ihrer herausragenden Leistungen hat sie wirklich selber geschaffen, sondern sie hat gnadenlos Menschen in ihrer Umgebung bis zur Perfektion kopiert und dann deren Stelle eingenommen. Obwohl sie sich in Selbsttäuschung selbst noch als „Larve“ sieht und immer wieder in eine infantile Rolle zurückfällt, ist sie in Wahrheit doch ein Parasit, der sich in einer kalten, moralfreien Welt den Weg an die Spitze der Nahrungskette betrügt, mordet und schläft…
Und der Leser darf daran teilhaben.

Toshiko Tomura ist eine Seelenverwandte von Patricia Highsmiths Ripley („Der talentierte Mr. Ripley“) und – erstaunlicherweise – von Hitchcocks Norman Bates („Psycho) und genauso präsentiert Tezuka dem Leser sein Werk: Als einen abgründigen Thriller, indem es keine Moral gibt, die Schwachen gnadenlos ausgenutzt werden und die Starken nonchalant und umjubelt über Leichen gehen. Deswegen verführt Tezukas Perspektive dazu die auf der Hand liegende Metapher zu verwenden, dass er seine Figuren wie unter dem Mikroskop zu beobachten scheint. Von dem sonst in seinem Werk immer wieder auftauchenden Humanismus ist „The Book of Human Insects“ weit entfernt.

Für heutige Leser sind Mangas von Osamu Tezuka nicht immer leicht zugänglich: In Japan als Schöpfer von „Astro Boy“, „Kimba, der weiße Löwe“ und hunderten (!) weiteren Werken als Übervater des Mangas verehrt, ist sein Stil den Comics der Nachkriegszeit verhaftet, den er selber entscheidend geprägt hat. Seine Figuren wirken auf den ersten Blick naiv und kindlich (ein Vorwurf der Mangas sowieso gerne allgemein gemacht wird). Allerdings reicht dieser oberflächliche Blick nicht aus, um ein Werk wie „The Book of Human Insects“ auch nur annähernd zu erschließen, denn seine psychologische Genauigkeit erschließt sich erst aus dem Kontext der sehr komplexen Geschichte. Die formelhaften Figuren vereinfachen aber auch den Zugang, denn zugleich war Tezukas unbändige Produktivität die Quelle für eine Lässigkeit des Layouts, der den Leser nicht nur in die Geschichte hineinzieht, sondern auch geniale Verknappungen und surrealistische Elemente als organischen Bestandteil erscheinen lassen.

„The Book of Human Insects“ (erstmals erschienen 1970) ist wahrscheinlich nicht Tezukas bestes Werk, tatsächlich steht es in seiner Karriere zeitlich noch vor „Black Jack“ (1973), „Buddha“ (1972) oder etwa dem vergleichbaren Thriller „MW“ (1976). Allerdings offenbart es nicht nur eine weitere faszinierende Facette in seinem Werk, in dem er – beeinflußt von der „Gekiga“-Bewegung (Unterground-Comics für erwachsene Leser) – sich immer wieder abgründigeren Themen zuwandte, sondern er demonstriert darin auch das ganze Repertoire seiner inhaltliche und gestalterische Meisterschaft und dieses ist bei einem Künstler wie Tezuka gigantisch.

 

Osamu Tezuka
The Book of Human Insects
Vertical Inc.
ISBN 978-1-935654-20-9

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