Graphic Novel – Igort, Berichte aus der Ukraine

Serafina Andrejewna, Nikolai Wassiljewitsch, Maria Iwanowna und Nikolai Iwanowitsch sind vier Rentner, denen der mehrfach ausgezeichnete Autor und Zeichner Igort („Fünf ist die perfekte Zahl“, „Baobab“) auf seiner fast zweijährigen in die ukrainische Region um Dnipropetrowsk begegnet ist und deren Lebensgeschichte er aufgezeichnet hat. Sie alle erzählen von den Entbehrungen und den schrecklichen Hungersnöten, die das Land unter Stalins Diktatur als Straßmaßnahme wegen „Kulakentums“ ertragen mußte, aber vor allem auch von den tragischen Details ihrer Leben, Krankheit, Tod, der Armut und der Einsamkeit des Alters.

Mit typischen, sehr feinem Strich und mit spärlichen Sepiafarben findet Igort dazu Bilder, die zwischen realistisch bis abstrakt schwanken. Seiten mit künstlerischen Interpretationen von historischem Fotomaterial wechseln sich ab mit experimentellen Layouts (vor allem in der Einleitung) und sogar Seiten mit fast ausschließlich Text finden sich. Doch in den Lebensgeschichten wechselt Igort in die klassische 6-Panel-Aufteilung und zieht sich selber als Künstler fast vollkommen zurück, so daß ohne jede Ablenkung sich die Lebensgeschichte seiner Protagonisten entfalten können.

Dabei deutet bereits der Titel „Berichte aus der Ukraine“ darauf hin, dass es sich bei diesem Comic nicht um ein erzählerisches Comic im klassischen Sinne, ja wahrscheinlich nicht einmal um eine Graphic Novel handelt. Die Seiten ohne klassische Panels, und auch das vielfache Fehlen von Sprechblasen wirken so, daß man sich „Berichte aus der Ukraine“ durchaus auch als illustrierten Beitrag in einem zeitgeschichtlichen Magazin vorstellen kann. Man kann deswegen von einem grafischen Essay oder von Comic-Journalismus im Stil eines Joe Sacco („Safe Area Gorazde“, „Footnotes from Gaza“) sprechen. Die Ähnlichkeiten in Herangehensweise und des Aufbau zu Joe Sacco, dem wahrscheinlich zur Zeit herausragendsten (aber sicher nicht einzigem) Vertreter dieses Genres, sind deutlich zu erkennen.

Aber nicht nur gestalterisch, sondern auch vom Aufbau der Erzählung, beziehungsweise des Berichtes her, geht Igort sehr streng vor: Die vier Lebensgeschichte werden jeweils durch einen teils geschichtlichen, teils persönlichen Abriss von einander getrennt. Eine Einleitung und ein Epilog komplettieren den Gesamtumfang.

Dementsprechend ist dies bestimmt auch kein Comic für klassische Comic-Leser, sondern es richtet sich ganz klar an ein gebildetes, geschichts-interessiertes Publikum, dem die Mischung aus Historie und persönlichem Schicksal zusagt und dem es nichts ausmacht, dass man nur einzelne, zwangsläufig unvollständige Einblicke in die tragische Geschichte dieses Landes bekommt, weil es bereit ist sich dieses Wissen selber anzueignen.

So gesehen gelingt Igort genau das, was wahrscheinlich eines seiner Ziel dieses Comics ist: Man kann zwischen den Zeilen, an der distanziert-respektvollen Herangehensweise Igorts Zuneigung zu diesem Land und seinen Begegnungen dort erkennen und wahrscheinlich ist dies nicht zuletzt seine Motivation, warum er dem Leser nur eine Einführung gibt und sein Publikum dann indirekt auffordert sich mehr mit der Ukraine zu beschäftigen.

Igort
Berichte aus der Ukraine
Reprodukt
ISBN 978-3-941099-61-6

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