Die Fahrt nach Stillvelde, Teil 1 (Adeles Salon)

Wohin hatte es Adele und ihre Reisegruppe da nur verschlagen! Auf keiner einzigen Karte ist Stillvelde eingezeichnet. Mag sein es gab den Ort 1905 bereits nicht mehr, vielleicht jedoch wollte man ihn auch nur vergessen – Wundern würde es die Reisegesellschaft, die am letzten Donnerstag in den Geburtsort des Dichters und Totenfotografen Johan von Riepenbreuch aufbrach, mit Sicherheit nicht. Doch eins nach dem anderen.

Stillvelde irgendwo in PommernBerlin Stettiner Bahnhof

Am prachtvollen Stettiner Bahnhof von Berlin ging die geheimnisvolle Reise los. Stettiner Bahnhof, Berlin 1896 (Wikimedia Commons)Die Zugfahrt nach Stettin verlief ohne weitere Vorkommnisse und auch die Kutsche wartete dort wie bestellt auf die bunte Gesellschaft, zu der sich neben dem Salonlöwen Hellemann und Assistenzarzt Maximiliano einige Studenten der Pépinière, ein Anwalt sowie Agnes, eine Freundin von Adele, gesellt hatten. Neben den Kabbeleien von Sinzing und Maximiliano bezüglich ihrer elsässischen bzw. italienischen Stammsitze (wie wichtig den Europäern damals doch die Nationalitäten waren!) verlief die Fahrt einigermaßen ruhig. Sah man davon ab, dass Adele es sich nicht nehmen ließ, vorne auf dem Kutschbock mitzufahren. Eine echte Dame eben! Obgleich Herman von Berlepsch ihr angeboten hatte, -zugegebenermaßen halbherzig, dieser Kavalier, seinen Platz im warmen Inneren für sie zu räumen. Doch zu groß war Adeles Neugier, was ihr der Kutscher Paul womöglich über Stillvelde und seine Bewohner verraten könnte. Zu ihrem großen Bedauern erwies sich der “Gute” jedoch als recht maulfaul – insbesondere einem Mannweib gegenüber, einer Suffragette oder wie die sich auch immer nennen mochten. So kaute er stumm wie ein Fisch auf seinem Priem herum, bekam die Zähne nicht wirklich auseinander, spuckte ab und an vom Kutschbock und brachte die Gesellschaft weiter und weiter gen Nirgendwo. “Wir sind spät dran” war praktisch das einzige, was Adele ihm entlocken konnte. Nun ja,  neben dem Namen der einzigen Wirtsstube “Zur Ausspannung”. Doch noch war das Gasthaus nicht in Sicht, im Gegenteil. Die Landschaft wurde kahler und es nieselte leicht, als sich Nebelschwaden in der Dämmerung über die Felder legten. Der volle Mond war aufgegangen, als ein dunkles Waldstück in Sicht kam.

Ein deutscher Wald

Kein gewöhnlicher Mischwald, so dachte Adele bei sich, hatte je düsterer gewirkt. Die alten, krummen Bäume ließen gerade mal einen schmalen Streifen für den sich durchs Gehölz schlängelnden Weg frei.

“Jetzt beginnt die Holterpartie!”, knurrte der Kutscher ohne Adele anzusehen und warnte sie einen Hauch zu spät: “Halten Sie sich besser mal fest“. Was eindeutig leichter gemurmelt als getan war: Die Pferde stürmten im wilden Galopp voran. Angetrieben vom bleich wirkenden Kutscher , der noch ein letztes Mal zum Himmel blickte, bevor die tief hängenden Äste die Sicht nach oben  versperrten. Unruhig bemerkte sie, wie ihm plötzlich der Angstschweiß über das Gesicht perlte. Ein Ast streifte die Kutsche nahe ihrem Gesicht und sie duckte sich hastig, um nicht getroffen zu werden. Für einen Moment schien ein Schatten zwischen den majestätischen Bäumen neben ihrer Kutsche entlangzufliegen, mit ihr Schritt zu halten … : “Sehen Sie…” doch der Kutscher unterbrach sie bereits heftig: “Meine Flinte, los, los!” Ob es hier Wölfe gab? Adele hatte in Amerika das Schießen gelernt und machte sich zunächst keine Sorgen, bis sie jedoch ein angsteinjagendes monoton-musikalisches Geräusch wahrnahm. Der Kutscher war nun schweißgetränkt und trieb seine Pferde in einen viel zu schnellen Galopp. Da, der Schatten war immer noch da! Doch halt, nun war es nicht nur einer sondern eine Vielzahl – und ja, sie summten ganz eindeutig! “So schießen Sie doch!” befahl er fast panisch. Doch bevor Adele anlegen konnte, hob eine quer über dem Weg liegende Wurzel die Kutsche an, und so sah sie nur aus den Augenwinkeln, wie der Kutscher genau auf einen tief hängenden, dicken Ast zusteuerte. Ihr Instinkt übernahm. Später sollte sie nicht genau sagen können, zu welcher Seite der  abgerissene Kopf des Kutschers  geflogen war, zu sehr war sie damit beschäftigt gewesen,  seinen urplötzlich leblosen Händen die Zügel zu entreißen ….

Und liegt er dann im Graben…

Auch den Insassen der Kutsche war nicht entgangen, dass hier etwas nicht mit richtigen Dingen zu ging.

“Adele?” brüllte Hellemann, “was ist denn los, was – ” abrupt brach er ab, als sich der  Rumpf des Kutschers vom Kutschbock löste und sich in die Zügelenden verhakend an der nun offen stehenden Tür vorbeifiel, um dort – kopflos – hängen zu bleiben. “Oh mein Gott!” Wilhelm von Sinzing wurde bleich und kämpfte gegen aufsteigende Übelkeit an, während Adele lautstark Hilfe einforderte: “Nun tun Sie doch schon endlich etwas, ich kann die Pferde nicht mehr lange halten!” Doch keinem der Insassen gelang es, zu ihr zu klettern, bis sich Gustav Grundwein erbarmte und es unter Lebensgefahr nach vorne schaffte. “Wir müssen die Kutsche anhalten!” rief er zwischen zusammengebissenen Zähnen und griff entschlossen nach einem großen Hebel. “Ich bremse jetzt”

“Nein, tun Sie das nicht”, schrie der Anwalt, der glücklicherweise exakt in diesem Augenblick den Kopf aus der Kutsche steckte, “wir werden havarieren, wenn Sie bei dieser Geschwindigkeit bremsen! Es müsste noch einen kleineren Hebel geben. Damit lösen Sie die Pferde – beeilen Sie sich!” Grundwein sah sich um und nickte schließlich erleichtert:. “Ja hier, ich hab ihn.”

Teil 2: werden sie die Kutsche heil zum Stillstand bringen – auch ohne Kutscher? Und was hat es mit den Stimmen auf sich?

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