Graphic Novel – Craig Thompson, Habibi

Wanatolia, ein fiktives arabisches Sultanat, das alle Epochen der Weltgeschichte in sich vereint: Als kleines Mädchen rettet Dodola den schwarzafrikanischen Cham/Zam das Leben und zieht ihn in der Wüste groß. Als zwangsverheiratetes Frau eines Schreibers kann sie nicht nur lesen, sondern hat jedes Buch und jeden Text verschlungen. Die gelernten Geschichten erzählt sie dem schreckhaften, einige Jahre jüngeren Cham, während sie in der scheinbaren Idylle eines Schiffes in der Wüste gemeinsam heranwachsen.

Doch der pubertierende Cham muß entdecken, dass die Idylle einen Preis hat: Um an die notwendigsten Lebensmittel zu kommen, prostituiert sich Dodola. Als Cham beobachtet wie sie von Freiern brutal vergewaltigt wird, traumatisiert ihn dies und er beginnt seine eigene erwachende männliche Sexualität zu verabscheuen. Als Dodola kurz darauf von Soldaten in den Harem des Sultans verschleppt wird, beginnt Cham und Dodola eine jahrelange Suche nacheinander…

Auf mehr als 600 Seiten entfaltet der mit Preisen überhäufte Craig Thompson (“Blankets”) mit expressiven Tuschezeichnungen eine mäandernde Geschichte in einer orientalischen Umgebung: Meisterhaft imitiert er arabische Kalligraphie und Dekors. Keine der unzähligen Seiten ähnelt einer anderen. Denn die mit den unterschiedlichsten Mittel aufgetragene Tusche ergießt sich in fließenden Formen, die ineinander greifen und schwebende Übergänge zwischen den unterschiedlichsten Teilen der Geschichte schaffen.

Und von denen gibt es so einige. Thompson streut Passagen aus dem Koran und aus dem alten Testament (die nicht selten dieselben sind) ein, erzählt diese sehr frei nach und mischt sie mit Märchen, Motiven aus 1001 Nacht, Legenden und Esoterik. Zudem sind Exkurse über Alchemie, Numerologie und Sufi-Mystik in die Geschichte und Bilder eingewoben. Auf jeder Seite sammeln sich die Symbole, werden vieldeutige religiöse und mystische Anspielungen gemacht.

Doch die im Überfluß vorhandenen Metaphern und Symbole geben Rätsel auf, ergeben niemals ein sinnvolles Ganzes: Was bedeuten die Sprünge zwischen den Epochen? Wofür steht die überlange Geschichte des gütigen Müllfischers? Was hat es mit den post-apokalyptischen Andeutungen auf sich? Warum trägt der Scharfrichter des Sultans eine Papstkrone? Und wenn dann plötzlich furzende Zwerge, äußerst unkomische Witze über die Hautfarbe von Afrikanern und Gruppensex dazukommen, hat man langsam den Verdacht, dass das alles gar keinen Sinn ergibt.
Thompsons Strategie ist es zu überwältigen: Darf es noch eine Exkursion über Kalligraphie, eine Koranepisode oder eine Vergewaltigung (Nein, das ist leider kein schlechter Scherz.) mehr sein?

Die Geschichte um Dodola und Cham hätte auch auf gut einem Drittel der Seiten erzählt werden können und sie wäre nicht schlechter geworden. Im Gegenteil.
Was die Qualität betrifft, sollte man sich als Leser einfach nur folgende Frage stellen: Was unterscheidet Thompsons Buch von den kolonialistischen Haremsfantasien des 19. Jahrhunderts? Jenen mit atemberaubender Handwerkskraft geschaffenen, von exotischen Details strotzenden Tableaus, die als Projektion nicht zuletzt erotischer Fantasien dienten?

Wenn man also die Marketingkampagne und das das außergewöhnliche, gleichzeitige Erscheinen einer Graphic Novel in einem guten Dutzend an Sprachen und in (vergleichsweise) riesiger Auflagen außer Acht läßt, dann erstaunt doch ein Detail: Im Klappentext sind nur lobende Worte zu Craig Thompsons letzter Graphic Novel zu finden. Da es ein Leichtes gewesen wäre, einigen Gönnern Thompsons vorab ein Statement abzunehmen, würde es mich nicht wundern wenn diese namhaften Autoren zu diesem neuen Werk nichts zu sagen hatten, weil sie etwas verstanden haben: Trotz des kommerziellen Erfolgs weist “Habibi” als Werk nicht in die Zukunft, sondern in eine dunkle Vergangenheit.

(als Rezensionsgrundlage diente die englische Ausgabe)
Craig Thompson
Habibi
Pantheon Books
ISBN 978-0-375-42414-4

(Deutsche Ausgabe)
Habibi
Reprodukt
ISBN 978-3-941099-50-0

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