Die Graphic Novel-Geschenkliste 2011

Mit Weihnachten kommt auch die manchmal doch lästige Pflicht für Verwandte, Freunde, Kollegen, Cousins, Cousinen, Mitbewohner und Haustiere Geschenke einkaufen zu müssen und dann zerbricht man sich den Kopf was man denn eigentlich überhaupt guten Gewissens verschenken kann. Aber Hilfe naht!
Hier sie die „Das wilde Dutzend“-Graphic Novel-Geschenkempfehlungsliste für das Jahr 2011!

 

Ed Brubaker & Sean Phillips, Incognito – Bad Influences

Ed Brubaker macht bereits seit ein paar Jahren einige besten Comics, die bei einem der großen US-Verlage veröffentlicht werden. Die „Incognito“-Serie bildet da keine Ausnahme. Gemeinsam mit seinem „Criminal“-Partner Sean Phillips kombiniert er darin Superhelden mit den „Hardboiled“-Krimis eines Donald Westlake.

Auch der 2011 erschienene, zweite Band um Zack Overkill hält das vielversprechende Tempo und den Druck des ersten aufrecht und bricht dabei mit schöner Regelmäßigkeit mit allen Erwartungen an das Genre, ebenso wie sie es an anderer Stelle wieder genußvoll auskostet. Deswegen darf man auch keine Geschichten um „Pfadfinder“ à la Superman erwarten, sondern wird in von der Geschichte in eine Halbwelt geworfen, die Brubaker ebenso dicht zeichnet, wie sie Phillips mit großzügig verteiltes Schwarz zum Leben erweckt.

Für: Fans von Superheldencomics und alle die keine Superheldencomics mögen.

Ed Brubaker/Sean Phillips, Incognito, Marvel/Icon, ISBN 978-0785139799 (Band 1)
Ed Brubaker/Sean Phillips, Incognito – Bad Influences , Marvel Icon, ISBN 978-0785151555 (Band 2)

 

Naoki Urasawa & Osamu Tezuka, Pluto

„Pluto“ ist eine ungewöhnliche Zusammenarbeit: Die zwischen dem sehr lebendigen Manga-Superstar Naoki Urasawa („Monster“, „20th Century Boys“) und dem schon lange verstorbenen Übervater des Manga, Osamu Tezuka. Mit „Pluto“ erweckt Urasawa dessen bekannteste Schöpfung, Astroboy (im Original „Atom“), zu neuem Leben.

Und was für ein Leben das ist! Urasawa setzt seine ganzen Stärken in der Figurenzeichnung ein, um Osamu Tezukas Lebensthema des Humanismus dramatisch zu verpacken. So rückt der junge Astroboy fast in den Hintergrund, während Urasawa eine epische Geschichte über Schuld, Sühne, moralische Stärke, Gewalt und die seelischen Abgründe von Soldaten erzählt.

Dabei bleibt nichts von der angeblichen Naivität übrig, die dem Manga so gerne nachgesagt wird: Die Mordserie, deren Aufklärung im Zentrum der Geschichte steht, ist nicht nur spannend erzählt, sondern geht in den besten Momenten unter die Haut, etwa wenn der kindliche Astroboy und seine Schwester mit den tödlichen Konsequenzen eines längst vergangenen Krieges konfrontiert werden.

Für: Nicht nur Fans von Mangas

Naoki Urasawa/Osamu Tezuka, Pluto 1, Carlsen Manga, ISBN 978-3-551-71301-8
(es liegen bisher Band 1-7 vor, der abschließende Band 8 erscheint im Januar)

 

Manu Larcenet, Der alltägliche Kampf

Der Fotograf Marco zieht aufs Land, er beginnt eine Beziehung mit der hübschen Tierärztin Emilie, er hat die Aussicht seine Bilder in einer Gallerie auszustellen… Nach außen hin scheint er ein gutes Leben zu führen, doch er wird bereits seit Jahren von unerklärlichen Panikattacken heimgesucht deren Ursachen ihm ebenso unklar sind wie seinen wenig hilfreichen Therapeuten.

Doch seitdem mit Emilie so etwas wie eine Perspektive in seinem Leben aufgetaucht ist, ist er endlich bereit den Kampf mit den Dämonen in seinem Leben aufzunehmen. So muß Marco sich mit Familiengeheimnissen, Beziehungsproblemen, Krankheit und Tod auseinandersetzen.

Es ist dem Berliner Verlag Reprodukt hoch anzurechnen, dass er einen der erfolg- und einflußreichsten französischen Comics der letzten Dekade ins Programm genommen hat und nun noch einmal in einer äußerst preisgünstigen Neuauflage veröffentlicht. Denn Manu Larcenets autobiografisch inspirierte Graphic Novel verbindet auf sehr einfache, aber umso effektivere Art die scheinbaren Banalitäten mit den Abgründe des Lebens.

Für: Fans von Liebesgeschichten, die Kitsch nicht ausstehen können

Manu Larcenet, Der alltägliche Kampf, Reprodukt, ISBN 978-3-941099-26-5 (Gesamtausgabe)

 

David Mazzucchelli, Asterios Polyp

David Mazzucchelli legte 1994 eine gefeierte Adaption des Paul Auster-Romans „City of Glass“ vor und wurde daraufhin als kommender Star des literarischen Comics gefeiert. Was folgte war allerdings eine 15 Jahre dauernde Wartespanne in der Mazzucchelli nur kleinere Arbeiten vorlegte, als ob die hohen Erwartungen an seine Kreativität diese zum Erliegen gebracht hätte.

2009 folgte schließlich sein großes eigenes Werk auf das alle gewartet hatten (und das dieses Jahr von Eichborn ins Deutsche übertragen wurde). Hatte sich das lange Warten gelohnt?

Für „Asterios Polyp“ scheint der Begriff Graphic Novel geschaffen worden zu sein: Das Buch trägt den Namen seine Protagonisten, des egomanischen Architekturprofesseors Asterios Polyp, dessen Selbstgefälligkeit und Arroganz erstmals offen in Frage gestellt wird, als er von seiner scheinbar so schüchternen Frau Hana verlassen wird. Er beginnt eine schmerzhaften Selbstfindung, die Mazzucchelli mit einem ebenso vielschichtigen Zeichnenstil wie unzähligen Layoutideen füllt, die jede Seite zu einem Erlebnis machen.

Für: Menschen, die Comics normalerweise nicht anfassen würden

David Mazzucchelli, Asterios Polyp, Eichborn, ISBN 978-3821861302

 

The Finder Library Vol. 1

Obwohl mit Preisen ausgezeichnet und von Autorenkollegen bei jeder Gelegenheit gelobt, war Carla Speed McNeils „Finder“ jahrelang nicht verfügbar. Denn sie verlegte es nur im Eigenverlag. 2011 hat sich nun der amerikanische Mini-Major Dark Horse der Aufgabe angenommen die Serie zusammenzufassen und in einer angemessenen Form auch für Lesern außerhalb von verstaubten Comicläden erhältlich zu machen.

Die Protagonisten von „Finder“ sind Jager, ein verantwortlungsloser Vagabund, Frauenschwarm und spiritueller Detektiv, sowie die Familie Grosvenor, deren Gast Jager immer wieder ist. Jager ist zugleich ein ehemaliger Untergebener des gerade aus dem Gefängnis entlassenen, psychopathischen Vaters Brigham, wie der Liebhaber seiner Frau Emma und möglicherweise sogar der Vater ihrer jüngsten Tochter. Als Brigham alles unternimmt um seine Familie wiederzusehen, versucht Jager seinen verschiedenen Loyalitäten gerecht zu werden.

Diese Verwicklungen verweben sich mit der Schilderung einer teils futuristischen, teils in der Vergangenheit verhafteten Welt, die merkwürdig fremd und zugleich bekannt erscheint. Auch wenn Carla Speed McNeils Stil immer angemessen, aber selten spektakulär ist, ist vor allem auch die psychologische Tiefe der Geschichte, die „Finder“ zu einer einzigartigen Leseerlebnis macht.

Für: Menschen, die glauben alles schon gesehen zu haben

Carla Speed McNeil, The Finder Library Vol.1, Dark Horse, ISBN 978-1-59582-652

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