Die Fahrt nach Stillvelde, Teil 2 (Adeles Salon)

An den glanzvollen Stettiner Bahnhof in Berlin, wo ihre Reise losging, dachte die Gruppe rund um Adele (Wilhelm von Sinzig, Hermann von Berlepsch, Gustav Grundwein, Agnes von Warnhold, Ernst Hellemann und Maximiliano Meriggi) bald nur noch wehmütig. Ab Stettin brachte sie der bärbeißige Kutscher Paul weiter gen Stillvelde, bis sie in einen dunklen Wald fuhren. Sichtlich nervös und Stimmen hörend, trieb der Kauz die Pferde immer schneller vorwärts bis er selbst einem tiefhängenden Ast nicht mehr ausweichen konnte und Adele auf einmal die Verantwortung für die Kutsche alleine inne hatte! (Fahrt nach Stillvelde, Teil 1). Zum Glück kam ihr Gustav Grundwein zur Hilfe.
 

Das Ende der Kutschfahrt

Deep dark forest by CraigCloutier -cc flickr

Kraftvoll zog Gustav Grundwein am kleineren der beiden Hebel und mit einem Satz flogen die aufgeregten Pferde davon, das Geschirr hinter sich her rasselnd. Nun rumpelte die Kutsche richtungs- und führungslos über den kurvigen Weg und landete schließlich, immer noch mit hohem Tempo, im Graben. Koffer und Reisetaschen flogen in hohem Bogen durch die Luft, ein ohrenbetäubendes Scheppern – und Adeles verzerrte Stimme mit einem Fluch. „Oh botheration! Autsch!“ – „Adele, wo sind Sie?“ Hellemann kletterte, seinen Fotoapparat schützend an sich gedrückt aus der umgestürzten Kutsche, während Adele an einen Stamm gelehnt ihren Knöchel rieb. Nach und nach erschienen nun auch die anderen aus dem kaputten Gefährt, glücklicherweise alle – bis auf ein paar kleinere Schrammen – unverletzt. Grundwein, der vom Kutschbock gestürzt war tauchte ins Gebüsch ab, um seinen Hut zu suchen, begleitet von Agnes, die nach den Pferden Ausschau hielt. Die erste Unruhe legte sich, Wilhelm von Sinzig verarztete Adeles Knöchel und Hellemann dokumentierte das Schlamassel fotografisch. Als der Knall seines Blitzes verhallte, fiel der Reisegesellschaft auf, dass das Summen immer noch zu hören war. Doch zu sehen war nichts. Nur Schatten krochen wie lebendige Wesen über den Weg und schienen hier und da ihre rauchigen Finger nach der Gesellschaft auszustrecken. Außer diesen unheimlichen Schatten konnten sie aber nichts ausmachen. „Wir müssen Frau von Warnhold einholen“, schritt Kavalier von Sinzig zur Tat. Schnell packte man das Nötigste zusammen, baute Fackeln und machte sich auf den Weg. Schon nach kurzer Zeit lichtete sich der Wald und vom Boden stieg kalter, feuchter Nebel auf. Das Moor! Vorsichtig, immer einen Fuß vor den andern setzten sie ihren Weg im Gänsemarsch fort, als in der Ferne plötzlich flackernde Lichter durch den Nebel blitzten.

Zur Ausspannung

Am hellsten strahlte es aus dem vom unglückseligen Kutscher Paul erwähnten Gasthof. Wie erleichtert sie alle waren! Doch kaum hatten sie den nach Tabak und Essen riechenden Raum betreten, da verstummten bereits sämtliche Gespräche und neugierige Gesichter musterten sie ganz unverhohlen. Besonders die immer noch blutbesudelte Adele zog alle Blicke auf sich. „Herr Wirt, wir hatten einen Unfall. Der Kutscher ist tot und wir bräuchten eine Unterkunft für die Nacht“. Kollektives Luftanhalten… dann aufgeregtes Gemurmel durcheinander. Der Wirt knallte eine schwere Steingut-Flasche auf den Tisch und schenkte ihnen allen ein Gläschen ein. „Ach verdammt, es ist wieder soweit…. Der Vollmond“ murmelte er dabei, und dann, an von Sinzig gewandt „Haben Sie irgendetwas, hm, Ungewöhnliches gehört, als …?“ noch bevor der antworten konnte, krähte es aus einer versteckten Ecke im hinteren Raum: „Das Moor, das Moor! Ich habe es euch ja gesagt“

Die Geschichte vom Moor

Ein altes verhutzeltes Männlein saß dort vor einem großen Humpen.„Der Sumpf lockt sie alle, sie alle! Und bei Vollmond kommen sie wieder und holen sich ihre Schwestern und Brüder, ja ja, habs euch ja gesagt, habs euch ja gesagt.“ Adele griff sich die Schnapsflasche und steuerte schnurstracks den Tisch des Männleins an, den kopfschüttelnden Wirt und sein Gemurmel: „Hört nicht auf den alten George, der ist nicht mehr richtig“ ignorierte sie ebenso wie Hellemann und Grundwein, die ihr folgten. Von Sinzig und Berlepsch machten sich in der Zwischenzeit auf den Weg zum Bürgermeister, um den Todesfall zu melden. Der alte George begutachtete Adele wohlwollend, die Flasche Nordsturm, die sie vor ihn setzte noch wohlwollender und ließ sich einschenken. „Der Herbst macht die armen Seelen unruhig. Arme Seelen, arme Seelen“, begann er und hielt auffordernd sein leeres Glas hoch. „Wandern und singen, machen Pferde scheu, jaja. Singen ihre Weisen, locken ihre Geschwister. Pastor weiß, der Pastor weiß. Paul, ja Paul, der hätte wissen müssen, dummer Kerl. Verlasst diesen Ort so schnell es geht.“ Gustav war schon aufgesprungen und wandte sich zur Tür „Lasst uns zum Pastor gehen!“ Hellemann grinste „Unser religiöser Spieler! Vielleicht hilft das Beten ja beim nächsten Roulette!“ Doch Grundwein ließ sich nicht beirren, drückte Adele ein Tuch in die Hand und schritt forsch voraus.

Im nächsten Teil:
Was weiß der Pastor über die Legende von den Moorleichen? Sollten sie wirklich die Seelen von Selbstmördern gesehen haben?

Kategorien Das wilde Dutzend | tagged , , , , , , , , | Bookmark permalink

Kommentare sind geschlossen.

  • Glossar
    Das wilde Dutzend Verlag
  • Facebook
  • Kontakt
    Das wilde Dutzend Verlag
    Hagenauerstr. 2
    D-10435 Berlin
    fon: 030 28 88 31 99
  • Google+
  • Newsletter
    Monatliche News aus Berlin
    * indicates required
  • Adeles Salon
    Das wilde Dutzend Verlag
  • Tagcloud