Graphic Novel – Matthias Schultheiss, Die Reise mit Bill

Luke und seine kleine Tochter Tweety fahren ziellos durch die staubigen Einöden der USA als sie am Straßenrand den Kriegsveteranen Bill aufsammeln. Dieser hat zwar keine Beine mehr, dafür weiß er aber umso genauer, wo er hinwill: Zu jenem Schamanen, der ihm seine Beine wiedergeben kann. Da sie nichts besseres zu tun haben, beschließt Luke Bill zu helfen. Doch Bills Suche ist eine Fahrt mit Irrwegen, die in die Sümpfe Louisanas, verrottende Küstenstädte und in den hohen Norden führt. Zwar hat Tweety Bill sofort in ihr Herz geschlossen, aber Luke hadert mit Bill und seinen Visionen, seiner Esoterik, seinem Beharren auf die Möglichkeit einer anderen Welt. Doch die Begegnungen, die Bills Anwesenheit hervorruft, verändern auch den harten, ziellosen Realisten Luke, während Bill sich immer mehr in seiner Parallelwelt verliert.

Matthias Schultheiss ist ein Veteran und der international wahrscheinlich am meisten ausgezeichnete deutsche Comickünstler, das merkt man jeder Seite sofort an: So beiläufig und skizzenhaft manche Zeichnungen wirken mögen, zusammen mit der in einer Mischtechnik umgesetzen Kolorierung bildet er mal realistische, mal surrealistische Panoramen ab. Das Land, durch das seine Hauptfiguren reisen, ist mal lichtdurchtränkt, mal düster, mal verschwommen, mal gestochen scharf. Es wirkt selbst in den fantastischen Moment immer lebendig und glaubhaft.

Die Stärke der Bilder enthüllt dabei leider eine der größten Schwächen des Buches: Den Text. Er klingt nicht nur hölzern und wirkt vielfach klischeehaft, er doppelt sich häufig und ist an vielen Stellen einfach überflüssig. So scheint er die Kraft der Bilder und der Ausdrucksfähigkeit der Figuren vielfach zu untergraben und wirkt deswegen bemüht.
Er verliert sich dabei fast auf den vielen Seiten in denen Schultheiss die Panels in einem schmalen Querformat angelegt. So zitiert Schultheiss das Cinemascope-Verfahren, jene Breitbildkinotechnik, die für die meisten Menschen das Bild Amerikas in unzähligen Filmen hat lebendig werden lassen.

Das Amerika in „Die Reise mit Bill“ hat wenig mit dem realen Ort zu tun: Für Bill ist dieses Land die Welt von Melville, Lovecraft oder Poe, unter dessen Oberfläche das Fantastische lauert und in das er seine beiden Mitreisenden hineinzieht. Schultheiss beschwört dies in den spektakulärsten Passagen herauf, ebenso wie andere Elemente Amerikas und der USA: Die Welt der Diners und Highways, Präventionskriege und Rassismus. Es ist also weniger eine Beschreibung als die Beschwörung eines Landes in einem Traum, der schließlich zu einem Erwachen führen muss.

 

Matthias Schultheiss
Die Reise mit Bill
Splitter Verlag
ISBN 978-3940864-05-5

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