Graphic Novel – Cyril Pedrosa, Portugal

Nein, „Portugal“ ist kein autobiografisches Comic! Das sollte man gleich zuerst klarstellen. Autor und Zeichner Cyril Pedrosa hat dies wohl inzwischen obligatorische Genre bereits in seiner vorherigen Graphic Novel, dem nicht ganz ernst gemeinten „Autobio“ abgefrühstückt. Man sollte das anmerken, denn an vielen Stellen wirkt Pedrosas neues Werk wie ein autobiografiches Comic. Nicht nur was die Geschichte betrifft…

Simon Muchat ist ein Comickünstler in einer Lebenskrise. Nach einem viel gefeierten Debüt hat ihn Lethargie übermannt. Er hält sich mit kommerziellen Jobs finanziell über Wasser und ist sich nicht einmal zu schade sein Talent als Lehrer zu vergeuden. Selbst der Plan mit seiner Freundin Claire das gemeinsam bewohnte Haus zu kaufen bringt ihn nicht dazu sich aufzuraffen. Erst ein zufälliger Besuch bei einem Comicfestival in Portugal wecken ihn aus seinem Dämmerzustand.

Er stürzt sich daraufhin auf die nächste sich bietende Gelegenheit die Familiengeschichte zu erforschen, denn seine Familie stammt ursprünglich aus Portugal. Auf einer Hochzeit versucht er die Lebensgeschichte seiner Großeltern zu rekonstruieren und verliert sich zugleich in den großen und kleinen Familienkonflikten.

Es sind die Parallelen zu anderen Autoren, die immer wieder in „Portugal“ ins Auge fallen: Bei den Szenen beim Psychiater fällt einem Manu Larcenet („Der alltägliche Kampf“) ein, die Schwimmszenen erinnern an Bastian Vivès („Der Geschmack von Chlor“) und die Kolorierung manchmal an Nicolas de Crécy (unter anderem „Salvatore“). Die Kolorierung ist es, die die sehr dünnen, feinen Linien immer mal wieder überlagert und mal unterstützt. Dabei steht dieser Stil fast im Gegensatz zu Pedrosas schwarz-weißen (sehr erfolgreichen) „Drei Schatten“ und seinen atmosphärischen Tuschezeichnungen, ohne das man Pedrosas charakteristischen Zeichenstil dabei nicht wieder erkennen würde. Erstaunlicherweise verleugnen viele Panels nicht ihren Skizzencharakter. Wenn man willkürlich durch den Band blättert fällt einen auf, wie unterschiedlich viele Seiten in ihrer Gestaltung wirken, allerdings ist es Pedrosas großem Talent zu verdanken, dass „Portugal“ dennoch nie auseinanderfällt.

Wie auch die Geschichte gehen die Bilder sanft ineinander über und dabei kommt die ganze Stärke der Farbgebung zum Tragen: Die Bilder scheinen in stimmungsvolle Farben getaucht, die mal kühle Innenräume, mal in lichtüberflutete Gärten oder Abendstimmungen aufleben lassen. Dabei zeigt kaum etwas wie die gewählte Farbpalette, dass es sich um ein französisches Comic handelt, denn die gedeckten Aquarellfarben springen niemals ins Auge sondern wirken immer atmosphärisch.

Ganz egal wie merkwürdig das nun klingen mag, aber „Portugal“ ist ein sehr französisches Comic: Die Geschichte ist sehr zurückgenommen, stattdessen sind es die Bilder und die von ihnen hervorgerufenen Stimmungen, die einen hineinziehen. Man wird von der Lektüre von „Portugal“ nicht unbedingt vollständig befriedigt, vielmehr juckt es einen aber danach in den Fingern in einen 2CV zu steigen und umgehend nach Südfrankreich fahren. Oder wahlweise nach Portugal.

 

Cyril Pedrosa
Portugal
Dupuis/Aire libre
ISBN 978-2-8001-4813-7

[Die Deutsche Ausgabe erscheint im April bei Reprodukt.]

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