Graphic Novel – Guy Delisle, Chroniques de Jérusalem

Guy Delisle war mal wieder unterwegs. Nachdem ihm sein Leben schon als Trickfilmregisseur nach China und Nordkorea gebracht hatte, war er zuletzt an der Seite seiner Frau in Burma (die bei Ärzte ohne Grenzen beschäftigt ist). Seine jüngste Reise hat ihn und seine inzwischen auf vier Personen angewachsene Familie im Zeitraum zwischen August 2008 und Juli 2009 nach Jerusalem geführt und wie auch aus seinen vorherigen Auslandsaufenthalten hat er daraus eine Graphic Novel gemach, die wie Delisles vorherige Bände minimalistisch, aber mit dem Blick für das Wesentliche gezeichnet sind.

Delisle schildert seine Begegnungen mit so ziemlich allen Kulturen und Religionen die an diesem so bemerkenswerten Ort zusammentreffen. Bereits auf seinem Hinflug entpuppt sich ein Sitznachbar, der mit Delisles kleiner Tochter spielt, als Holocaust-Überlebender. In Jerusalem selber führt er später ein recht unstetes Leben als Hausmann seiner arbeitenden Frau und lernt so die Stadt kennen, in der etwa zwei separate Bussysteme (eines für Israelis, eines für Pälastinenser) verkehren, die einen allerdings nie den ganzen Weg bringen, den man eigentlich bräuchte…

Der Zeitraum des Aufenthaltes ist dabei zuerst ein für die Region vergleichsweise ruhiger Moment: Der israelisch-palästinensische Konflikt flammt nur kurz um den Jahreswechsel 2008/2009 auf als die israelische Luftwaffe Vergeltungsangriffe gegen Gaza fliegt als sich Delisles Frau dort befindet. Dennoch ist das Buch natürlich durchdrungen von Politik, die sich allerdings im Kleinen abspielt.

Delisles Problem ist es, dass – im Gegensatz zu asiatischen Diktaturen wie eben Burma oder Nordkorea – Jerusalem, Israel und Palästina alles andere als unerreichbare Territorien für uns sind. Zudem wird die Region nicht nur von vielen Israelischen Comickünstlern selber, sondern findet auch international im Comic Beachtung (etwa bei Joe Sacco oder Sarah Glidden, um nur zwei zu nennen). Deswegen muß sich Delisle mit diesen messen und hier zeigen sich zugleich die Stärken, aber vor allem auch Schwächen seiner Herangehensweise. Einerseits gelingt es Delisle wie kaum einem anderen den Alltag in Jerusalem mit vielen Details und den Absurditäten eines geteilten Landes einzufangen. Andererseits bleibt sein Bericht vielfach nur an der Oberfläche: Delisle treibt weniger die widersprüchliche emotionale Bindung Gliddens an, noch die journalistische Wahrheitssuche eines Joe Sacco.

Das Buch bleibt deswegen ein Sammelsurium an Anekdoten, die mal mehr, mal weniger interessant sind. Allerdings erklärt Delisle dabei beispielsweise warum es bisher keine palästinensisches Comic gibt, dass sich mit dem Land oder der aktuellen Geschichte beschäftigt.

 

(Französische Ausgabe)
Guy Delisle
Chroniques de Jérusalem
Shampooing/Delcourt
ISBN 978-2-7560-2569-8

[Die deutsche Ausgabe wird im März 2012 bei Reprodukt unter dem Titel „Aufzeichnungen aus Jerusalem“ erscheinen.]

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