Graphic Novel – Hannes Nüsseler, Das Seidenband

Eine Frau entdeckt zwischen den Büchern ihres Freundes ein altes Tagebuch und beginnt darin zu lesen:
Ein namenloser Franzose trifft im Jahre 1806 bei der Familie Blanc in Basel ein. Die Familie ist durch den Seidenhandel reich geworden und nachdem ein Schiff, an dem die Familie Anteile besaß, einem Feuer zum Opfer gefallen ist, versucht sie von ihrer Versicherung für den Verlust entschädigt zu werden. Offiziell soll der namenlose Franzose nur ihren Anspruch im Auftrag der Versicherung überprüfen.

Was seine Gastgeber zuerst nicht ahnen: Er ist in Wahrheit ein Agent wider Willen für die französischen Behörden, die den Schmuggelgeschäften der Familie Blanc ein Ende setzen wollen. Schnell lernt der junge Mann die skrupellosen Ansichten seiner Geldgeber, sowie die wissenschaftlichen Experimente des alten Monsieur Blanc kennen und als er im Basler Umland recherchiert, muß er erfahren, dass die einfache Landbevölkerung von Entführungen in Angst und Schrecken versetzt wird. Sein einziger Hinweis auf die Verknüpfung dieser merkwürdigen Details ist der Klang der Seidenwebmaschinen…

„Das Seidenband“ legt fast nahe, dass dem Regio-Krimi nun das Regio-Comic folgt: Entstanden mit einer Kulturförderung der Stadt Basel, von einem lokalen Künstler geschaffen und einem (renommierten) Schweizer Verlag herausgegeben, trägt diese Graphic Novel natürlich seine Ursprung geradezu auf dem Tablett vor sich her. Hier wird – in einem größeren Kontext – Regionalgeschichte erzählt.
Dieser Kontext ist für Hannes Nüsseler nicht nur die europäische Geschichte der napeolonischen Kriege, die technisch-wissenschaftliche Entwicklung oder die historische Seidenherstellung, sondern vor allem auch das Aufkommen des modernen Industriekapitalimus und des berühmt-berüchtigten schweizerischen Bankwesens. Durch seine Rahmenhandlung spannt er den geschichtlichen Bogen bis in die Gegenwart.

Gepinselte Tusche, Stifte mit fester Breite und wohl auch etwas Kohle bilden die Grundlage für die komplett in Schwarz-Weiß gehaltenen Bilder, die Nüsseler im einem 3×2-Layout über die Seite verteilt (oberflächlich erinnert es beispielsweise an Frederik Peeters). Dementsprechend spielt er mit den Kontrasten: Helle und düstere Szenen wechseln sich ab und bilden nicht nur inhaltlich, sondern auch auf der gestalterischen Ebene die Gegenpole der Geschichte. Das ist ebenso klassisch, wie es im Kern auch unoriginell ist, was man einem Graphic Novel-Erstlingswerk allerdings leicht verzeiht. Zudem durchbricht Nüsseler das Schema immer wieder mit Einzelansichten, in denen er die historische Umgebung etabliert. Dadurch gibt er dem Leser ein Gefühl für die Zeit in denen sich die eher stilisierten Figuren bewegen.

Hannes Nüsseler geht in vielen Elementen in seinem graphischen Erstlingswerk auf Nummer Sicher. Eine klassische Gestaltung paart sich mit allen Zutaten für eine interessante Geschichte: Eine spannende Epoche, ein Held mit einer geheimnisvollen Vergangenheit, zwielichtige Geschäfte und mysteriöse Vorgänge. Dennoch bleibt am Ende ein etwas schaler Nachgeschmack. Einiges bleibt zu oberflächlich (etwa die Vergangenheit des namenlosen Helden), aber vor allem erhebt Nüsseler etwas zu oft moralisierend den Zeigefinger und versucht mit allen Mitteln die Malaisen der Gegenwart und der Vergangenheit unter einen Hut zu bringen. Auch das mag man als Anfängerfehler durchgehen lassen.
Je nach Neigung darf oder muss man gespannt bleiben.

 

Hannes Nüsseler
Das Seidenband
Edition Moderne
ISBN 978-3-03731-089-2

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