Graphic Novel – Michael Meier, Das Inferno

Dante ist nicht mehr der, der er einmal war: Statt im roten Umhang und mit Lorbeerkranz ist er mit Bart und Unterhemd auf der Flucht vor Silvio Berlusconi und Versicherungsvertretern als er auf einen sprechenden Schakal trifft. Dieser entpuppt sich als Vergil und bietet sich als Führer für den anstehend Trip durch die Hölle an. Doch auch die Hölle ist nicht mehr ganz die, die sie einmal war: Zwar schmoren dort immer noch die Sünder in kochendem Pech, versinken die Schlächter in einem Fluss aus Blut und die Zwietrachtstifter werden von Dämonen zerfleischt. Aber inzwischen gibt es dort auch einen iPhone-Audioguide, eine Hölle der Bürokraten, Atommüllendlager und Marshmallow-pupsende Drachen.

Auch auf die Gefahr hin meinen Status als Experte aufs Spiel zu setzen, so muß ich doch gestehen, dass mir Michael Meiers in der Frankfurter Rundschau erschiene Comicstrip-Adaption von Dantes „Göttlicher Komödie“ unbekannt war. Mit deren Erscheinen in Buchform bei Rotopolpress, habe ich das schnell nachgeholt.
Wenn man an Flix‘ „Don Quijote“ bei der lokalen Konkurrenz der FAZ denkt, dann scheinen aber Strip-Adaptionen gerade ein deutscher Trend zu sein. Für seine Adaption hat Michael Meier jedenfalls diesen Klassiker der Weltliteratur gehörig in die Mangel genommen und ordentlich aufgemöbelt. An der Grundsituation hat sich allerdings wenig geändert: Dante steigt durch die Kreise der Hölle hinab und erlebt dabei deren Schrecken.

Die Schrecken sind bei Meier nicht selten ausgesprochen diesseitig. Er macht auch keinen Hehl daraus, dass seine Hölle insgesamt ein sehr diesseitiger Ort ist. Die christliche Symbolik der Vorlage streift er nur noch nebenbei, auch wenn viele der Originalfiguren der „Divina commedia“ weiterhin auftauchen.

So gesehen ist Meier mehr dem klassischen Comicstrip, als der literarischen Vorlage verpflichtet. Denn wie jeder klassische Strip ist dies natürlich dann doch ein Gag-Comic, mal mehr, mal weniger gezeichneter Witz. Im Kern aber immer mit lustigem Unterton, auch wenn an einigen Stellen Zensurbalken die grausigen Details verstecken. Deswegen muß die Frage natürlich lauten: Ist es denn lustig?
Der Strip funktioniert an den Stellen am besten, wo sich Meier entweder den Klassiker selber als Grundlage vornimmt oder immer wieder mal eine kleine Geschichte einflicht. Ob allerdings Scherze über Silvio Berlusconi, Chris de Burgh oder das Polieren von iPhone-Displays demnächst irgendjemandem noch hinter dem Ofen hervorlocken werden, sei dahingestellt.

An vielen Stellen ist allerdings auch nicht die Geschichte an sich das Highlight des Strips: Es ist die Grafik. Während das Layout ganz dem klassischen Stripformat verpflichtet bleibt (eine einspaltige Reihe von vier, manchmal fünf Bilder), arrangieren sich Meiers mit dünnen Linien abgegrenzte Flächen matter Farben ausgesprochen unaufgeregt, aber sehr elegant über die Bilder. Sparsam eingesetzte Farbverläufe und Texturen akzentuieren das Bild und geben ihm an vielen Stellen unerwartet viel Tiefe. So werden die panorama-artigen Bilder zu dessen spannendsten Elementen, die man in den wenigstens (doch meist eher zweidimensionalen) klassischen Comicstrips so finden würde. Das eine oder andere grafische Zitat der in er Kunst so populären Hölle runden den Strip ab.

So ist Meiers Adaption von „Das Inferno“ in diesem Sinne wie eine Reise: Auch wenn man unterwegs ist, stößt man nicht immer ausschließlich auf gelungene Episoden und muß sich mit der einen oder anderen mißliebigen Reisebekanntschaft herumschlagen. Aber wenn man dann an einem Abgrund steht und vor einem erstreckt sich ein beeindruckendes Panorama, in das man mit einem Fernrohr eintauchen kann, dann sind es genau diese Dinge, die in Erinnerung bleiben.
Und natürlich, dass das Fernrohr einem im entscheidenden Moment den Dienst versagt. Wir sind ja in der Hölle!

 

Michael Meier
Das Inferno
Rotopolpress
ISBN 978-3-940304-35-3

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