Graphic Novel – Bryan & Mary Talbot, Dotter of her Father’s Eyes

Lucia Joyce ist die älteste Tocher des irisch-stämmigen Jahrhundertautors James Joyce (1882-1941). Sie wächst in einem unsteten Wanderleben ihres Vaters auf, aus dem sie selbst dann nicht entkommt als sich ihr im Paris der 20er- und 30er-Jahre eine glänzende Karriere als Tänzerin und Choreographie bietet.
Mary Atherton ist die Tochter eines verknöcherten Literaturwissenschaftlers, der sich dem Leben von James Joyce verschrieben hat. Ihre Kindheit beginnt in den muffigen 60ern, in dem ihr zu cholerischen Anfällen neigender Vater und die Intoleranz katholischer Schulen ihr Leben bestimmen, bis sie einen jungen, in der Gegenkultur verwurzelten Mann namens Bryan kennenlernt.

„Dotter of her Father’s Eyes“ stellt das Leben dieser beiden Frauen gegenüber: Während Lucia Joyce und ihre tragische Geschichte eine gut dokumentierte Fußnote der Literaturgeschichte ist (und leider keine der Tanzgeschichte). So verbirgt sich hinter Mary Atherton natürlich niemand anderes als die Autorin und Ehefrau von Zeichner Bryan Talbot. In wechselnder Perspektive wird die Kindheit und Jugend beider Frauen gegenüber gestellt: Die revolutionären 20er treffen so auf die Erstarrung Großbritanniens in den 60ern und dem Leser bieten sich die Geschichten dar, wie beide Frauen versuchen sich ihre Freiheit, nicht zuletzt von ihren auf ganz unterschiedliche Weisen dominanten Vätern, zu erkämpfen…

An Bryan Talbots Kompetenzen gibt es nur wenige Zweifel: Seine Karriere umspannt den Mainstream, genauso wie den Independant-Bereich. In der Vergangenheit hat er für das legendäre britische Comic-Magazin „2000 AD“ und dessen Vorzeige-Comics „Judge Dredd“, ebenso wie mit Autoren wie Alan Moore, Neil Gaiman oder etwa auch Ed Brubaker gearbeitet. Auf jeden Seite sind die Bilder klassisch-präzise ausgearbeitet und trotz weniger Details erreicht er dank effektiver Schattierung eine eindrucksvolle Tiefenwirkung. Selbst dort wo Bleistift-Vorzeichnungen hindurchschauen (vor allem auf den Seiten, die sich mit Mary Talbots Geschichte beschäftigen) scheint dies eher beabsichtigt als zufällig zu sein, als ob die Geschichte hier noch nicht endgültig geschrieben sein (und fundamental anders als etwa in dem letzte Woche rezensierten Comic von Sam Kieth). Auch wenn den Seiten ein deutliches Raster zugrunde liegt, so verzichtet er doch auf die sonst typischen Rahmen für seine Panels, so dass man „Dotter of her Father’s Eyes“ assoziativ, fließend lesen kann.

Die Liebe zum Detail zeichnet auch die Geschichte aus, doch es fehlt ihr am großen Bogen: Das Leben von Lucia Joyce ist in sich spannend, doch es gelingt den Passagen in denen sich die Graphic Novel damit beschäftigt nicht sich wirklich in die Figur einzuarbeiten. Zu sehr ist sie damit beschäftigt die Eckdaten ihrer Biographie darzustellen. Auf der anderen Seite fehlt es auch der Geschichte Mary Talbots auf den nur knapp 90, aber inhaltlich randvollen Seiten ebenso an wirklicher Dramatik. Auch welcher direkter Zusammenhang zwischen beiden Lebensgeschichten besteht, bleibt bestenfalls assoziativ angedeutet. Was an Geschichte fehlt wird auf den in Braun- und Blautönen gehaltenen Seiten mit detaillierter Beobachtung der Zeitgeschichte gefüllt.

Es ist anzumerken, dass „Dotter of her Father’s Eyes“ ein Werk der Liebe ist. Nicht zuletzt ist auf den Seiten nachzulesen, dass dies das erste gemeinsame Werk dieses Paares ist, dass seit 42 Jahren zusammen lebt. Doch Bryan Talbots Erfahrungen im Bereich der Comics gleichen leider nicht die Schwächen Mary Talbots als Erzählerin aus: Man möchte ihr vorwerfen, dass sie zu sehr den Details verpflichtete Wissenschaftlerin (denn das ist bisher ihr Beruf gewesen) und zu wenig Erzählerin bleibt. Vielleicht ist das der fundamentale Unterschied zwischen den Biographien von Mary Talbot und künstlerisch ambitionieren Tänzerin Lucia Joyce und der Grund warum deren Leben dann doch so wenig miteinander zu tun haben scheint.

 

[Englisch Ausgabe]
Bryan & Mary Talbot
Dotter of her Father’s Eyes
Dark Horse Comics
ISBN 978-1-59582-850-7

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