Graphic Novel – Tom Gauld, Goliath

Goliath ist der fünft-schlechteste Schwertkämpfer in seiner Einheit, er bevorzugt – im Gegensatz zu all seinen Kameraden – Verwaltungsaufgaben und seine extra für ihn angefertigte Paraderüstung zerfällt bereits beim ersten Tragen. Dennoch soll er jeden Morgen und jeden Abend im Namen der Philister-Armee die Armee der Stämme Israels herausfordern und obwohl er ein friedfertiger Mensch ist und sich nicht anderes wünscht als wieder an seine Verwaltungsaufgaben zu setzen, tut er es 40 Tag und Nächte lang. „Das ist ein Kampf des Geistes“, erklärt ihm sein Vorgesetzer, der den Plan ausgetüftelt hat…

Autor und Zeichner Tom Gauld hat sich in den dünnen Band „Goliath“ der alt-testamentarischen Geschichte um David und Goliath angenommen und einen ganz anderen Goliath gefunden, als er dort geschildert wird. Er ist ein Krieger wider Willen, eine Schachfigur in einem Propaganda-Coup, sein Ruf als schrecklicher Kämpfer basiert alleine auf seiner physischen Größe. Doch dahinter steckt ein einfacher, freundlicher Mensch. Wie auch die biblische Geschichte ist dies eine Metapher, allerdings so eine ganz andere als jene in der Bibel.

Nur knapp 42 Seiten umfasst der dünne Band. Das Layout bedient sich der klassischen 3×2-Aufteilung, es gibt außer Schwarz und Weiß nur noch einen einzigen Braunton als Schattierung und die Figuren sind so minimalistisch, wie sie nur seien können: Einfachste geometrische Formen, die an keiner Stelle auch nur ansatzweise den Eindruck erwecken wollen Tiefenwirkung zu erzielen. Diese Reduktion hat Tom Gauld in jahrelanger Tätigkeit in seinen wöchentlichen Strips für die englische Zeitung The Guardian (wo er beispielsweise neben Posy Simmonds vertreten ist) zur Perfektion gebracht.

Deswegen ist weder der Umfang, noch die Gestaltung, noch die reduzierte, sehr langsam erzählte, kleine Geschichte ein Zufall. Jeder Strich, jede Textzeile erfüllen einen Zweck und fordern den Leser nicht etwa nachzudenken. Nein, sie verführen ihn dazu. Denn Tom Gauld gibt einer biblischen Nebenfigur und zugleich dem Inbegriff des brutalen Unterdrückers die Würde zurück und stellt damit unsere auf den biblischen Geschichten aufgebaute Weltsicht in Frage. Nachdem man „Goliath“ gelesen hat, kommt einem die Redewendung „David gegen Goliath“ nicht mehr so leicht über die Lippen.

Welche 42 Seiten können von sich behaupten den Leser derart zu verändern?

 

Tom Gauld
Goliath
Drawn & Quarterly
ISBN 978-1-77046-065-2

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