Graphic Novel – Étienne Davodeau, Les mauvaises gens

Auf dem Cover von „Les mauvaises gens“ (wörtlich in etwa: „Die schlechten Menschen“) stehen sich eine Kirche und eine Fabrik gegenüber. Die Geschichte spielt sich allerdings nicht in diesen beiden Polen ab, sondern in dem Raum zwischen diesen beiden Gebäuden, die natürlich für den Glauben und die Arbeit stehen.

„Les mauvaises gens“ spielt ausschließlich in einer französischen Region, Les Mauges, die – trotz ihrer relativen Nähe zu Parisgeschichtlich als tiefste Provinz gilt. Der katholische Glaube und partriarchalische Strukturen bestimmen das Leben aller Menschen hier. Marie-Jo und Maurice, die beide kurz nach dem Zweiten Weltkrieg dort aufwachsen, lernen garnichts anderes kennen. Ihr Lebensweg scheint vorgezeichnet: Eine kurze Kindheit, eine katholische Schuleausbildung und danach eine jahrelange Tätigkeit in einer der Fabriken der lokalen Familienunternehmen. Das war bereits das Leben ihrer Eltern seitdem es immer weniger Arbeit auf den Feldern des Landes gibt.

Doch es kommt nicht so: In den 50ern tauchen plötzlich in den Orten ein paar junge Priester auf, die sich für die Arbeiter und die Jugendlichen interessieren und die ihnen eine Idee in den Kopf setzen: Solidarität. Stückchen für Stückchen beginnt sich etwas in den Köpfen und in den Leben der Menschen zu verändern: Basketballplätze, Urlaub, Betriebsräte, Gewerkschaften…

Étienne Davodeau ist selbst in den großen, vielfältigen französisch-sprachigen Comic-Markt eine Ausnahmeerscheinung. Seine Comics beschäftigen sich – vor allem in den letzten Jahren – mit der Provinz, den kleinen Leuten, dem sozialen Alltag und den menschlichen Beziehungen. Diese zeichnet er mit einem unprätentiösen Stil, der einen großen Wert auf die Individualität der Figuren legt. Diese Menschen sind teilweise hübsch, teilweise häßlich, in der Mehrzahl aber geradezu erschreckend normal. Im Vergleich mit anderen Comics fällt einem erst wieder auf, wie idealisiert und artifiziell deren Menschenbild ist.

Dabei ist „Les mauvaises gens“ ein cleveres trojanisches Pferd, dessen Überraschung an dieser Stelle nicht verraten werden soll. Nur soviel sei gesagt: Trotz seines nüchternen, journalistischen Stils ist es nicht unbedingt die Dokumentation als die es sich zuerst gibt.

Dies ist einer der ganz wenigen Effekte in diesem Comic. Alles andere, Geschichte wie graphische Gestaltung, ist unprätentiös und zurückgenommen. Davodeau konzentriert sich auf seine Figuren und deren Umgebung, läßt deren Aussagen und vor allem auch Gesichtsausdrücke für sich selber sprechen. Dennoch gelingt es ihm einen Fluß in die Geschichte zu bringen und es ist ganz klar, was das für ein Fluß ist: Es ist die ewig voranstrebende Geschichte.

Die scheinbar unerklärlichen Kraft von „Les mauvaises gens“ speist sich daraus, dass es Davodeau gelingt eine geschichtliche Entwicklung dort einzufangen, wo sie ihren Anfang nimmt: Bei ein paar einfachen Leute in der tiefsten Provinz, die eines Tages von einem Pfarrer angesprochen werden und deren schrittweise und nicht selten schwierige Emanzipation eines Tages die politische Landschaft eines ganzen Landes umwälzen wird.

 

[Französische Neuauflage, des 2005 erstmals erschienen Bandes]
Étienne Davodeau
Les mauvaises gens
Delcourt
ISBN 978-2-7560-2662-6

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