Graphic Novel – Shigeru Mizuki, NonNonBa

„NonNonBa“ erzählt die Geschichte einer Jugend in der harschen Lebensrealität der frühen 30er Jahre im ländlichen Japan: Shigerus Vater ist ein Taugenichts, der das Vermögen der Familie mit windigen Geschäftsideen durchbringt, die Mutter inzwischen verbittert darüber, während Shigeru selber Zuneigung vor allem von einer entfernten Verwandten bekommt, die er liebevoll „NonNonBa“ nennt (was man ungefähr mit „Großmütterchen“ übersetzen kann). Diese ist es auch die ihn über die Welt der Yokai aufklärt, vielgestaltige Geister, die an allen Orten zu finden sind und die manchmal gefährlich, manchmal spitzbübisch und gelegentlich sogar hilfreich sind.

Ihnen fühlt sich Shigeru nahe, während er mit seinen Altersgenossen wilde Kriegsspiele austrägt oder die Gegend erkundet. Vor allem aber lernt er ihre Macht kennen als er zwei Mädchen nahekommt: Die eine wurde auf das Land zur Kur geschickt, die andere zu vermeintlich wohlwollenden Verwandten. Für beide Mädchen wird angesichts ihres Schicksals Shigerus Zugang zur Welt der Yokai von entscheidender Bedeutung.

Es ist der Zeichenstil von „NonNonBa“, der sicherlich für viele Leser gewöhnungsbedürftig ist. Selbst im Vergleich mit anderen Manga-Künstlern ist Shigeru Mizukis extrem cartoonesker Stil vor realistischen, tiefschwarzen Hintergründen ausgesprochen ungewöhnlich. Dennoch hat er einen sehr genauen Blick für Details, was sich nicht zuletzt auch dadurch erklärt, dass Mizuki die Geschichte seiner eigenen Jugend erzählt.

Doch Shigeru Mizukis größte Qualität liegt nicht unbedingt in seinen Zeichnungen, noch in den Geschichten an sich, sondern in etwas ganz anderem: Mizuki ist ein Zeitzeuge, seine Erzählung ist authentisch. Inzwischen über 90 Jahre alt, ist er im dörflichen Vorkriegsjapan aufgewachsen und hat eine Kultur kennengelernt, die man heute nur noch nostalgisch verklärt erleben kann. Dies beschreibt auch seine Stellung in Japan, wo er als lebende Legende verehrt wird. Bereits zu seinen Lebzeiten wurden Straßen nach ihm benannt, nicht zuletzt weil er die Erinnerung an die Geisterwelt der Yokai lebendig gehalten hat (vor allem mit seiner langjährigen Serie „Hakaba Kitaro“).

Deswegen zieht die Geschichte den Leser in ihren Bann weniger als eine Geschichte, sondern vielmehr als ein Dokument, dass einem eine längst vergangene Epoche erfahrbar macht. Denn Mizuki setzt sich eben nicht nur mit dem Leben der Dorfbewohner, sondern auch mit Erscheinungen der Zeit (die Schlimmes vorausdeutenden Kriegsspiele, der Mißbrauch und die Ausbeutung von Kindern) und vor allem dem Geisterglauben auseinander. So öffnet sich eine weitere Welt, die den Leser in ihrer Fremdartigkeit und Bedrohlichkeit konfrontiert und der man sich nicht entziehen kann.

Gerade deswegen ist „NonNonBa“ mit seinen 400 Seiten nicht nur ein voluminöser Band im Regal, sondern so etwas wie ein japanisches Torii zwischen all den anderen Büchern: Eine symbolische Grenze zwischen dem Diesseits und dem Jenseits.

[Als Rezensionsexemplar diente die hier abgebildete, inzwischen vergriffene französische Ausgabe. Die unten aufgelistete nononenglische Ausgabe ist diesen Monat erschienen.]

 

Shigeru Mizuki
NonNonBa
Drawn and Quarterly
ISBN 9781770460720

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