Graphic Novel – Jimmy Beaulieu, Ein philosophisch pornografischer Sommer

Louis Dubois ist (im Gegensatz zum Rezensenten) ein erfolgreicher Filmemacher, hat einen Riesenschwanz und ist eine Kanone im Bett. Seine Freundin Corrine hat sehr große Brüste, ist ständig scharf und – wie sich das in in der kanadischen Kunstszene so gehört – ist sie Ehrenmitglied in einem lesbischen Swingerclub, einem Hobby, dem sie bei jeder sich bietenden Gelegenheit frönt, wenn sie nicht gerade Louis‘ Charme erliegt. Es tauchen weiterhin auf: Léone und die umwerfende Muriel, der Corrine nicht wiederstehen kann; Annie, die ihrer Bäckerin erliegt; und Martin Gariépy, Erfolgsautor von Pop-Romanen, der nicht bemerkt, wie er die Liebe seines Lebens verliert, weil er Annie hinterherschmachtet. Weitere Utensilien: Verlassene Architekturwunder von Hotels an der kanadischen Küste, Strap-on-Dildos, Performance-Art, Godzilla, ein Rollstuhl und Superheldenkostüme, denen die Hose fehlt.

Jimmy Beaulieus Comic ist ein ausgesprochen informativer Band, wie auch der herausgebende Verlag mich informiert: „Leichtfüßig und genussorientiert ist das Leben der jungen Menschen im Montreal von heute…“ Wir haben es hier also mit einem authentischen Bild Kanadas zu tun und man lernt wirklich sehr viel über die kanadische Kunstszene, deren Mitglieder sich bei jeder sich bietenden Gelegenheit der freien Liebe hingeben. Vor allem die Frauen, die alle schlagartig lesbisch sind oder zumindest werden, sobald sie einer anderen hübschen Frau begegnen. Überhaupt sind alle Frauen in Kanada wahnsinning hübsch, ständig sexuell erregt und wahnsinnig begabt und jederzeitig willig all dies unter Beweis zu stellen.
Der Rezensent ist an dieser Stelle versucht sich ein Ticket nach Kanada zu besorgen, hätte er nicht die Hände in seiner Hose.

Aber kehren wir für einen Moment zu „Ein philosophisch pornografischer Sommer“, diesem Reiseführer zurück, der uns nicht nur ein Gefühl des Sommers in Kanada vermittelt (Der Rezensent überprüft an dieser Stelle seinen Terminkalender: Hat er diesen Sommer schon etwas vor?), sondern auch noch philosophisch ist! Zwar konnte der Rezensent keinerlei Zitate irgendwelcher Philosophen im Buch finden, aber vielleicht ist der ganze Sex zwischen Frauen ja ein Manifest des Hedonismus! Und der Roman des Autoren Martin, das im Buch immer wieder zitiert wird ist auch immer wieder sehr tiefgründig: Da werden Pink Floyd, der Dichter Peter Davison, Aerosmith und Dr. Who angeführt! Außerdem bringt sich eine von Martins Figuren um! Wie gut, dass der Verlag in der deutschen Ausgabe dies im Titel deutlich gemacht hat, wie philosophisch diese Graphic Novel ist, die Originalausgabe hatte das doch glatt vergessen.

Dieses Buch macht sich sicherlich in jedem Regal ausgesprochen gut in dem bereits – natürlich vollkommen ironisch – bereits Pornos aus den 70ern und Marquis de Sade in der (ungelesenen) Originalausgabe stehen. Das der Graphic Novel ein Ende fehlt, fällt sowieso nicht auf, da der Leser sicherlich zwischendurch seinen Taschentuchvorrat auffrischen gehen muß. Es sei denn der Leser findet die skizzenartig hingeworfenen, meistens auf ein Layout verzichtenden, aber sicherlich vollkommen authentischen Bildern aus dem kanadischen Leben nicht ausreichend sexy genug und meint, dass er auf die tolle Performance-Art und die Romanausschnitte verzichten kann, um stattdessen im Internet den Dokumentarfilm „College Co-Eds Gone Wild“ zu suchen.

Das kann der Rezensent natürlich überhaupt nicht nachvollziehen. Er ist sowieso auch gerade damit beschäftigt seinen Koffer zu packen, um nach Montréal zu reisen, „dieser Großstadt mit amerikanischem Lebensstandard und europäischem Flair“, in der „Erotik […] ein Bestandteil des Tagesablaufs wie eine gute Mahlzeit“ ist, wie der Verlag ihm äußerst glaubwürdig versichert.

[Der Rezensent hat natürlich für diese Rezension die authentische französisch-kanadische Ausgabe verwendet.]

 

Jimmy Beaulieu
Ein philosophisch pornografischer Sommer
Schreiber & Leser
ISBN 978-3-941239-85-2

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