Graphic Novel – Derek McCulloch & Colleen Doran, Gone to Amerikay

Drei Geschichten, drei Zeitebenen, drei Schicksale irischer Auswanderer, die nach Amerika kommen: Ciara O’Dwyer kommt in den 1870ern in ein New York der krassen Kontraste und eines schier bodenlosen Abgrundes von Armut und Verbrechen; Johnny McCormack kommt in den 1960ern nach New York um seine Karriere als Musiker zu machen und nicht zuletzt, um der erstickenden Moral seiner katholischen Heimat zu entfliehen; und Lewis Healy kommt 2010 als verwöhnter Millionär für eine musikalische Sight-Seeing-Tour in dieselbe Stadt. Wie dem Leser schnell klar wird, bedingen sich die drei Geschichten. Denn Ciara’s scheinbar endloses Warten auf ihren Ehemann, der in Irland geblieben ist, wird erst Jahrzehnte später durch Johnny eine Antwort finden und dieses Erlebnis wird seine musikalische Karriere inspirieren, die später Lewis Healy inspirieren wird.

Doch unter der Oberfläche ist „Gone to Amerikay“ (der Titel von Johnny’s erstem, tragischem Hit) eine Geistergeschichte. Es taucht nicht nur ein tatsächlicher Geist darin auf, sondern es ist vor allem der Geist eines Landes, dass die Seiten füllt ohne jemals aufzutauchen: Irland. Bis auf ein paar vereinzelte Frames in der Erinnerung der Figuren bleibt dieses Land vollkommen außen vor und nimmt dennoch das Denken und Handeln der Figuren vollständig in Anspruch.

Man könnte dem Autoren Derek McCulloch („Stagger Lee“, „Pug“) und Zeichnerin Colleen Doran („A distant Soil“, „Manga Man“ und Zeichnerin unter anderem an „Wonder Woman“) vorwerfen, dass sie geradezu davon ausgehen, dass ihre Leser mit Irland vertraut sind. Das sie wissen wofür dieses Land steht, das sie vertraut sind mit den schier endlosen Geschichten über die irischen Einwanderer in Amerika und wie diese die USA geformt haben. Dennoch gelingt es ihnen im Kern eine interessante Geschichte zu erzählen, die nicht ganz frei von Klischees ist und sich manchmal etwas zu sehr auf bestimmte Konventionen verläßt, um den Anspruch auf besondere Originalität zu erheben. Colleen Dorans besonderer Zeichenstil, der sich stark an den Gestaltungsidealen der 80er orientiert und damit heute heute geradezu anachronistisch wirkt, baut allerdings gerade hierauf auf: Bei ihr ist die Pose ein zentrales Gestaltungselement und ein untrügliches Zeichen ihres Stils. Wenn also die Figuren an Motive aus der klassischen Malerei erinnern oder stellenweise in geradezu kitschiger Weise vor Blüten oder im Nebel arrangiert werden, dann ist das weder Zufall, noch reiner Kitsch. So sehr es auch danach aussieht.

McCullochs Geschichte und Dorans Stil treffen sich also. Man merkt, dass hier zwei Künstler am Werk sind, deren Auseinandersetzung mit dem Medium Comic eine Methoden und Erzählweisen geschaffen haben, die sich gegenseitig addieren. Deswegen wirkt „Gone to Amerikay“ immer wie aus einem Guss. Eine Leistung, die selbst viele Autoren, die selber auch die Zeichnerrolle übernehmen nicht immer zustande bringen.

 

Derek McCulloch & Colleen Doran
Gone to Amerikay
DC/Vertigo
ISBN 978-1-4012-2351-9

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