Graphic Novel – Carolin Walch, Roxanne & George

Sind Roxanne und George die beiden Königskinder, die nicht zueinander finden? Am Ende der Geschichte sind sie auf jeden Fall voneinander getrennt, davor scheinen sie beste Freunde zu sein: Sie teilen sich ein Leben aus Parties, Drogen und Reality-TV, das ihnen MTV als Kinder zweier ehemaliger Metal-Stars möglich macht. Die besten Tage ihrer Väter sind lange vorbei, deren Band „Hell Patrol“ ein Teil der Rockgeschichte und die Mitglieder reden nicht mehr miteinander seitdem einer von ihnen zu Tode gekommen ist.

Derweil reden George und Roxanne umso mehr miteinander, auch wenn es nur um die nächste Party, Shopping-Touren oder die Peinlichkeit ihrer Väter dreht. Und genau das führt dazu, dass ihre Väter die Reißleine ziehen: Nachdem auch Roxannes schluffiger Vater Crash dahinterkommt, dass George und Roxannes TV-Show nicht zuletzt davon lebt, dass er selber lächerlich gemacht wird, schmeissen er und Georges Vater Terry ihre Kinder hinaus. Das MTV parat steht um den beiden Promikindern gleich wieder eine Big Brother-artige Show anzubieten, bekommen die alten Herren garnicht mehr mit. Denn sie haben entdeckt, dass sie der Welt zu beweisen haben, dass sie mehr sind als ein paar abgehalfterte Ex-Stars.

Falls jemandem diese Anekdoten bekannt vorkommen, dem muß man dazu sagen, dass man Carolin Walchs „Roxanne & George“ die Ähnlichkeit der Figuren zu realen Vorbilder nicht vorwerfen kann: Sie ist Programm. Roxannes Vater Crash und sein Ex-Kumpan Terry sehen aus wie Slash und Axl Rose (von Guns’n Roses) und ihr Drummer ähnelt nicht zufälligerweise Lemmy von Motörhead. Im Klappentext wird auch klar „The Osbornes“ als Vorbild für die Handlung genannt und natürlich hat auch Ozzy selber einen Gastauftritt. Das Comic zitiert all diese und baut darum eine Geschichte zwischen dem Lotterleben einer verwöhnten „Jeunesse dorée“ und dem ehrlichen Bestreben alternden Stars sich ihre Würde im Zeitalter des Reality-TV zu bewahren. In diesem Kontrast spielt sich die Geschichte ab.

Auch grafisch sind ihre Vorbilder klar benannt und zu erkennen: Carolin Walch kommt aus der Manga-Szene und das ihre zeichnerischen Vorbilder dort zu suchen sind, ist – trotz eines individuellen Strichs – klar zu erkennen. Zumal sie es in dessen Markenzeichen, den markanten schwarz-weißen Federzeichnungen mit einem Verzicht auf Graustufen, noch weiter reduziert. Vor allem ist der moderne Shojo-Manga aber mit seinen überstilisierten Figuren gerade in Roxanne und George selber klar zu erkennen. Interessanterweise bricht sie diesen Stil in den Figuren der Eltern, die zwar nicht weniger stilisiert, aber doch erkennbar den jeweilige Vorlagen ähneln.
Vor allem aber wirkt sich Walchs Stil aber auch in der Erzählung und der Präsentation aus, die klar dem Manga geschuldet sind: Ein klassisches Layout mit atmosphärische Panels und wenig Text, so dass sich „Roxanne & George“ extrem schnell und flüssig liest.

Selbst ungeübte Leser werden deswegen diese in sich abgeschlossene Graphic Novel sehr schnell durchgelesen haben und dabei zeigt sich leider auch dessen Schwäche. Denn was bleibt eigentlich davon übrig von Roxanne und George?
Es ist fast als ob Carolin Walch dies selber geahnt hat, weil sie ihren alternenden Rockstars im Laufe des Bandes immer mehr Raum einräumt. Das sie deren belastete, aber deswegen auch belastbare Freundschaft mir der oberflächlichen Beziehung ihrer Kinder kontrastiert, vermittelt sich dem Leser durchaus.
Aber dennoch die Frage: Hat jemand jemals geglaubt, dass Kokain-schnupfende Wohlstandskinder ohne echte Freunde glücklich sind?

 

Carolin Walch
Roxanne & George
Reprodukt
ISBN 978-3-941099-77-7

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