Graphic Novel – Harvey Pekar & Joseph Remnant, Cleveland

Für Comic- und Graphic Novel-Afficinados ist der Name Harvey Pekar was für andere der Name eines ausgezeichneten, versteckt liegenden Weingutes oder einer Blues-Legende ist: Der vor zwei Jahren verstorbene Autor war jemand der seinesgleichen gesucht hat, aber den dennoch nur wenige kannten. Zu unspektakulär, geradezu lapidar war sein Werk, dass sich mit seinem eigenen alltäglichen Leben und dem der Menschen in seiner Umgebung auseinander gesetzt hat.

So reiht sich auch „Cleveland“ nahtlos in sein Werk ein. Ein Buch über Pekars Heimatstadt, zeichnet er die Zeit von ihrer Gründung bis in das Jahr 2009, den Aufstieg und Verfall der Stadt am Lake Erie nach. So beginnt die Graphic Novel mit der Historie, mündet schließlich in eine Lebensgeschichte und endet mit dem persönlichen Fazit eines Künstlers, der beim Verfassen des Buches und nach zwei lebensbedrohenden Krebserkrankungen bereits wußte, dass sein künstlerisches Gesamtwerk sich dem Abschluß nähert.

Doch obwohl Zeichner Joseph Remnant den Cleveland-Wanderer Harvey Pekar als einen geradezu wild wirkenden Getriebenen zeichnet, so ist es Pekars Tonfall der den Leser versöhnt: Wer so sehr über die Zumutungen des Lebens, den Verfall einer einst blühenden Stadt, die Ungerechtigkeit der Rassentrennung klagt, tut dies vor allem, weil ihm dies alles am Herzen liegt.

Diese Ehrlichkeit ist es, die Pekar zu einer Legende unter den Comic-Autoren hat werden lassen und es ist natürlich schwer über eine Legende zu schreiben und zu fragen, ob eines ihrer letzten Werke nun gut oder schlecht ist.
Deswegen möchte ich an dieser Stelle die Frage etwas umformulieren: Ist „Cleveland“ lesenswert oder nicht? Und hier ist die Antwort nicht ganz einfach, denn Harvey Pekar gibt eben dieser unnachahmlichen, geradezu brüsken Ehrlichkeit zu, dass „Cleveland“ ein Produkt finanzieller Not war. Da seine Rente und sein sonstiges Einkommen nicht ausreichten um seinen Lebensunterhalt zu verdienen, begann er verstärkt an Comics zu arbeiten, die sich seit „American Splendor„, der Verfilmung seiner Lebensgeschichte von 2003, sehr gut verkauften. „Cleveland“ ist eines dieser Comics, die deswegen entstanden sind.

Das schwächt „Cleveland“ selber nicht im geringsten: Es bleibt eine hervorragende Sammlung von Geschichte und Anekdoten wie nur Harvey Pekar sie hatte sammeln und zusammenführen können. Joseph Remnants mit sehr feinem Tuschestrich und vielen Schraffuren ausgeführten Zeichnungen illustriert sie zugleich originell und in der Tradition anderer Pekar-Kollaborateure (Robert Crumbs unentrinnbarer Einfluß ist im Character Design deutlich zu erkennen).

Doch es ergibt sich eine paradoxe Situation: Während dieses Buch perfekt für Pekar-Neulinge ist, die erstmals dem „Pekarversum“ begegnen, gibt es für Pekar-Kenner nur wenig neues Material darin zu finden, was er nicht bereits in anderen seiner Comics teilweise ausführlicher verarbeitet hätte. Dennoch werden sich wahrscheinlich gerade Pekar-Fans nicht davon abhalten lassen eines seiner letzten Werke zu erwerben und an einen besonderen Platz in ihrem Regal zu stellen.
Und das ist gut so, denn nichts anderes hat Harvey Pekar verdient.

 

Harvey Pekar & Joseph Remnant
Harvey Pekar’s Cleveland
Top Shelf Productions
ISBN 978-1-60309-091-9

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