Graphic Novel – George Herriman, Krazy & Ignatz 1922-1924

Krazy & Ignatz“ (auch als „Krazy Kat“ bekannt) ist eine Anomalie in der Historie des Comics: George Herriman erschuf den Strip 1916 und damit nur 20 Jahre nachdem das Comic mit „Yellow Kid“ überhaupt das Licht der Welt erblickt hatte. Herriman sollte den Strip bis zu seinem Tod 1944 unter schwierigen Bedingungen ohne Unterbrechungen zeichnen: Jeden Tag der Woche ein Strip, jeden Sonntag eine ganze Seite. Obwohl gefeiert von Intellektuellen und Künstlern, war der Strip spätestens Mitte der 20er beim breiten Publikum so unbeliebt, dass nur die Liebe von Zeitungsmagnat William Randolph Hearst zu dem merkwürdigen Katz-und-Maus-Gespann den Strip am Leben hielt (und seinen Schöpfer am finanziellen Überleben).

Tatsächlich fällt bereits der Versuch „Krazy & Ignatz“ zusammenzufassen schwer: Krazy Kat ist eine Katze, die die Maus Ignatz liebt. Ignatz wiederum hasst Krazy und zeigt dies, indem er Krazy am liebsten einen Backstein an den Kopf wirft. Für Krazy ist dies allerdings der größtmögliche Liebesbeweis. Nur der Hund und Sheriff Officer Pup, der wiederum unglücklich, weil unerwidert in Krazy verliebt ist, versteht Ignatz Tat vollkommen richtig und lauert nur darauf Ignatz bei einer Untat zu erwischen.

Diese merkwürdige Dreiecksgeschichte, die Herriman in jedem seiner Strips auf extrem fantasievolle Art und Weise variiert, bildet die Grundlage. Doch George Herrimans Liebe zum surrealistischen Witz ließ ihn um diese drei Figuren das fiktive Coconino County mit Unmengen an weiteren merkwürdigen (Tier-)Gestalten erschaffen: Die schwatzhafte Mrs. Kwakk Kwak, der unzuverläßige Baby-Bringer Joe Stork, der Hobo Bum Bill Bee, der Backsteinbäcker Kollin Kelly, und und und…

Das alleine würde reichen, um Herrimans Werk neben dem anderer früher Comic-Pioniere wie etwa Winsor McCay oder Rudolph Dirks zu etablieren. Doch es gibt noch einen anderen Grund, warum Graphic Novel-Legende Will Eisner in Bezug auf Herriman einmal gesagt hat, dass Eisners Generation auf den Schultern von Riesen stand: Es ist das Layout! Wie kein anderer Zeichner vor oder nach ihm hat Herriman das Comic-Layout aufgebrochen, immer wieder hinterfragt und spielerisch variiert. Panoramen, Inserts, Miniaturen,… Es gibt keine zwei Seiten, die gleich aufgebaut wären und gerade das macht Herrimans Werk nicht nur inhaltlich, sondern auch gestalterisch zeitlos.
Genau dies ist auch der Grund warum der Band von Herriman-Bewunderer Chris Ware („Jimmy Corrigan“, „ACME Novelty Library“) gestaltet wurde.

Der Band „Krazy & Ignatz 1922-1924“ umfasst drei Jahre an Sunday-Strips, als sich die Serie auf ihrem kreativen Höhepunkt befand. Es ist paradoxerweise der letzte Band in der Fantagraphics herausgebenen Reihe. Herrimans Spätwerk bis zum Ende der Serie liegt bereits vor.
Doch deswegen strotzt der Band vor Bonusmaterial: So gibt es darin Herrimans früher Strip „Mrs. Waitaminnit“ zu finden, in dem erstmals eine Katze mit Schleife auftaucht, die nicht ungefähr an Krazy Kat erinnert. Außerdem sind ein paar frühe Farbstrips enthalten, ebenso wie die wenigen Strips der nicht besonders erfolgreichen Farb-Serie „Us Husbands“, die vor allem bemerkenswert sind, weil man dort sehen kann wie Herriman mit realistischeren Figuren und Themen umgeht.

„Krazy & Ignatz 1922-1924“ ist also mehr als nur ein weiterer Band innerhalb der Serie, er bietet einen bemerkenswerten Überblick über Herrimans Arbeit, auch wenn man eventuell die biografischen Begleittexte vermisst, die die anderen Bände der Reihe auszeichnen.
Wer also – für den Herriman-Fan natürlich vollkommen unverständlicherweise – nicht alle Bände der Reihe in sein Regal stellen möchte, sollte zu diesem greifen.

 

George Herriman
Krazy & Ignatz 1922-1924
Fantagraphics
ISBN 978-1-60699-477-1

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