Christiane Neudecker

Christiane Neudecker (c) Jochen Reiter

Wer die Klaviatur eines siamesischen Pianos beschreiben will muss über besonders feine Antennen verfügen, muss Töne und Klänge spüren und ihre Nuancen in Worte kleiden können.

Christiane Neudecker, die für ihre unheimlichen Geschichten „Das siamesische Klavier“ (Luchterhand Literaturverlag, 2010) den Phantastikpreis der Stadt Wetzlar sowie den Bayern 2 Wortspiele Preis erhielt, hat dieses Sprachgefühl und auch die Ausdruckskraft um selbst den Schatten eine Stimme zu geben. Vielleicht trainierte sie diese fast schon synästhetische Fähigkeit im Studium, als sie an der renommierten Ernst Busch in Berlin Theaterregie belegte. Selten wird in der deutschen Literatur so präzise und fühlbar über den Hörsinn geschrieben wie in den Erzählungen der gebürtigen Nürnbergerin – ohne sie auf diese Besonderheit beschränken zu wollen, denn: die Identitätsspiele und -kämpfe, die in ihren Texten wiederkehren, beziehen alle Sinne mit ein. Alle fünf Sinne und manchmal noch ein paar mehr. Das begann bereits mit „In der Stille ein Klang“, ihrem Debüt, das 2005 erschien und setzt sich nun in „Wer kann für böse Träume“ fort.

Christiane Neudecker schreibt über den Teufel und darüber, was es mit den drei goldenen Haaren und dem Holzhacker wirklich auf sich hatte.

Brüder Grimm: Von dem Teufel mit drei goldenen Haaren (KHM 29)

Ein Holzhacker hackte vor des Königs Haus Holz, oben am Fenster stand die Prinzessin und sah ihm zu. Als es Mittag war, setzte er sich in den Schatten und wollte ruhen, da sah die Prinzessin, daß der Holzhacker sehr schön war, und verliebte sich in ihn, und ließ ihn herauf rufen; und als er die Prinzessin erblickte, und sah wie schön sie war, verliebte er sich wider in sie. Da waren sie bald in ihrer Liebe einig, aber dem König ward verrathen, daß die Prinzessin einen Holzhacker lieb habe. Als der König das hörte, ging er zu ihr und sagte: „du weißt, daß der dein Bräutigam wird, der die drei goldenen Haare bringt, die der Teufel auf dem Kopf hat, er mag nun ein Prinz oder ein Holzhacker seyn; er gedachte aber, kein Prinz ist noch so muthig gewesen, daß er es gekonnt, so wird ein schlechter Holzhacker es noch weniger können.“

Christiane Neudecker: Wer kann für böse Träume

Der Schlaf kommt nicht. Ich ringe um ihn, ich schreie und stöhne und winde mich und kneife dabei meine brennenden, tränenleeren Augen zusammen. Ich ramme meinen Hinterkopf gegen Holz, ich zerre an meinen verschlungenen Fesseln und presse meine Fußsohlen in den nackten Stein. Der Schlaf wäre, ich will es glauben, meine Erlösung. Aber er kommt und kommt nicht und ohnehin könnte nur eines mich retten

in: Wer kann für böse Träume – The Secret Grimm Files

Lesung mit Christiane Neudecker

Christiane Neudecker liest am 21.6.2012 zur Buchpremiere Auszüge aus „Wer kann für böse Träume“ ab 20 Uhr im Soupanova, Stargarder Str. 24.

Mehr über die Autorin
Christiane Neudecker bei Luchterhand
Lesung aus „Das siamesische Klavier

Bild (c) Jochen Reiter

 

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