Ulrike Draesner

SUlrike Draesner (c) privatie schreibt Sätze, die man sich am liebsten ausdrucken, rahmen und an die Wand hängen möchte. Und das unabhängig vom Genre. Ulrike Draesner ist ebenso Lyrikerin („gedächtnisschleifen, edition suhrkamp, „berührte orte“, Luchterhand) wie auch Romanautorin („Lichtpause“, Volk&Welt; „Mitgift“, Luchterhand; „Spiele“, ebd; „Vorliebe“, ebd.), Essayistin und Übersetzerin. Als erste Preisträgerin erhielt sie 2002 den Preis der Literaturhäuser, der sowohl die Qualität des literarischen Oeuvres als auch seine Vermittlung und Präsentation ehrt. Ihre Sprache, entblättert von Unnötigem, verdichtet bis hin zu Pinselstrichen mit Worten ist künstlerisch im besten Sinne: Lässt sie sich doch immer wieder inspirieren, bleibt offen, schafft Neues, findet und wechselt ihren Rhythmus und verharrt nie im Stillstand. Eine „Wort-Fühlerin“ ist Ulrike Draesner, wie sie selbst sagt, für die Worte und deren Bedeutungen Versprechen sind. Das ist es (unter anderem), was ihre Leser und Leserinnen gefangen nimmt – für die Geschichten, die erzählt werden, für die Figuren und für all das, was subtil unausgesprochen bleibt.

So ist die Liebe zu Zeiten der Astrophysik in „Vorliebe“ zum Beispiel eine, die schon einmal da war, jedoch nicht so, Erinnerung etwas, das neue Räume schafft, oder alte mit versteckten Schlüsseln öffnet (umso schöner der unaufdringliche doppeldeutige Titel): Die Naturwissenschaftlerin Harriet, die ganz logisch an nie Vermessenes glaubt wie sie es sich vorstellt (oder auch erschafft), wird von einer unerfüllten Jugendliebe eingeholt. Oder vielleicht sollte man besser sagen: Sie wird trotz ihrer Rationalität und Fähigkeit zur astrophysischen Selbstanalyse hinterrücks davon erwischt. Plötzlich stehen Damals und Heute neben dem Jetzigen, in dem nicht nur Harriet sich eingerichtet hat. Und fordern bereits formatierte Lebensmodelle zu einem Tanz, den man kennt oder in dem man sich wieder findet – und dem man mit Spannung zum Ende folgt.

In „Wer kann für böse Träume“ nimmt sich Ulrike Draesner des Rotkäppchens an, erzählt vom Wolf und jenem Geschenk, das zurückbleibt, wenn jemand ein Einsehen hat und die Geschichte ihren eigentlichen Lauf nimmt.

Brüder Grimm: Rotkäppchen (KHM 26)

Drauf ging es zum Bett und zog die Vorhänge zurück, da lag die Großmutter und hatte die Haube tief ins Gesicht gesetzt und sah wunderlich aus. „Ei Großmutter, was hast du für große Ohren!“ – „daß ich dich besser hören kann.“ – „Ei Großmutter, was hast du für große Augen!“ – „daß ich dich besser sehen kann.“ – „Ei Großmutter was hast du für große Hände!“ – „daß ich dich besser packen kann.“ – „Aber Großmutter, was hast du für ein entsetzlich großes Maul!“ – „daß ich dich besser fressen kann.“ Damit sprang der Wolf aus dem Bett, sprang auf das arme Rothkäppchen, und verschlang es.

Ulrike Draesner:  „Mit vollkommener Klarheit“

Ja, es ist der Wolf. Er sieht zum Lachen und Erbarmen aus in seiner Verkleidung als Mütterchen, nimmt sein weißes Käppchen ab und sagt brav seinen Namen. Er ist stark und eifrig, aber seine Haare zittern und die Augenbrauen sind wirbelig blond. Es ist ein geschmeidiger Wolf, der jetzt ordentlich auf allen vieren geht, kleiner als Rotkäppchen, es erreicht und sich anschmiegt, obwohl er verdammt nach Wolf riecht. Und Käppchen?

Hat für einen Augenblick seinen Verstand beisammen, anders als in den Geschichten, die Mutter und Vater erzählen, nein, für dieses eine Mal hat es Körper und Herz auf dem rechten Fleck – es setzt sich zu der Wölfin auf den Boden und umarmt sie.

Oh weiches Wolfsfell. Oh sanfte Wolfszunge. Unendlicher Wolfsblick.

In: Wer kann für böse Träume – The Secret Grimm Files. Verlag Das wilde Dutzend, Berlin 2012. Hardcover, 224 Seiten, Graustufe, Sepia und Rot; €18,90. Erhältlich auf Rechnung über buch (@) das-wilde-dutzend [punkt] de und im Buchhandel über GVA und libri.

Mehr über Ulrike Draesner:

Webseite der Autorin
Perlentaucher-Seite mit Kurzbeschreibungen ihrer Bücher und Bestelllinks

Foto: (c) privat – Text: Simone Veenstra

 

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Ein Kommentar zu Ulrike Draesner

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