Graphic Novel – Bryan Talbot, Grandville

Bryan Talbot schon wieder! Man möge es mir bitte verzeihen, aber die netten Menschen bei „Schreiber und Leser“ haben sich die Mühe gemacht Talbots vorletztes Werk „Grandville“ ins Deutsche zu übersetzen und deswegen sollen auch hier ein paar Worte darüber verloren werden.

Grandville also… Die Hauptstadt des französischen Imperiums. Ein Mord führt Inspector LeBrock in die Stadt, wo er als Brite nichts anderes als Fremdenfeindlichkeit und Überheblichkeit zu erwarten hat. Doch bereits bei der ersten Begnung mit den mutmaßlichen Mördern, Agenten im Dienste des napoleonischen Kaiserreiches, verfährt LeBrock alles andere als zimperlich und hinterläßt einige Leichen. Doch LeBrock und sein Adjudant Ratzi müssen schnell erkennen, dass selbst ihre resolute Vorgehensweise in dem Spiel um ermordete Wissenschaftler und anarchistische Terroristen ihnen kaum einen Vorteil verschafft. Denn ihre Gegner sind angeblichen Stützen des Regimes, die sich vor nichts aufhalten lassen, vor allem nicht von dahergelaufenen Briten…

Auch wenn Talbot für anspruchsvolle Werke bekannt ist, sollte man hier deswegen derartiges besser nicht erwarten: Es ist pure Unterhaltung, die Talbot präsentiert und er tut dies indem er aus dem Fundus eines Comicveteranen schöpft.

Um das offensichtliche vorwegzunehmen: Die Figuren in „Grandville“ sind anthropomorphe Tiere (Lebrock ist, wie man auf dem Cover sehen kann, ein Dachs), die Technik ist Steampunk und alle paar Seiten findet man eine Referenz an den einen oder anderen französischen Comic-Klassiker, die ihm offensichtlich als Vorbilder gedient haben. Talbot bedient sich kräftig in deren Erzähltradition, auch wenn der möglicherweise offensichtlichste Ideengeber, das gleichermaßen hard-boiled präsentierte „Blacksad“, unerwähnt bleibt.
Das Talbot aber gerade sich auf die französische Comictradition beruft ist ungewöhnlich für ein englischsprachiges Werk, dass vor allem in den USA verkauft wird.

Dabei ist es bestimmt nicht Talbots Mut die größte Schwäche von Grandville als grafisches Werk, sondern seiner oberflächlichen Stärke: Im Gegensatz zu Talbots sonstigen Arbeiten hat er hier auf einen rein digitalen Arbeitsprozess gesetzt und dementsprechend perfekt wirken die einzelnen Bilder. Von ihm selber koloriert und arrangiert kann man davon ausgehen, dass hier nichts dem Zufall überlassen geblieben ist. Leider fehlt dem Band deswegen auch eine gewissen Form von künstlerischer Wärme. Der Einsatz von digitaler Koloration hat in diesem Fall jeden individuellen Strich und jede persönliche Note eines Künstlers beseitigt, die man von seinen anderen hand-gezeichneten Werken sonst kennt. Deshalb wirkt „Grandville“ an einigen Stellen merkwürdigerweise wie das Werk eines ganz anderen Künstlers.

Was ist „Grandville“ also? Ein Pastiche, Kintopp, eine Hommage. Man kann vermuten, dass es der Versuch eines namhaften, aber im Mainstream weitgehend unbekannten Künstlers ist so etwas wie einen Blockbuster zu verfassen. Gerade deswegen ist die Handlung so atemlos, action-lastig, die Grafik perfektioniert bis hin zur Selbstverleugnung.

Dennoch, oder vielleicht gerade deswegen, kann man seinen Spaß mit „Grandville“ haben. Das Talbot selber auf den Erfolg seiner Schöpfung setzt, hat er mit dem kurz darauf erschienen zweiten Abenteuer von Inspector LeBrock, „Grandville – Mon Amour“, bereits bewiesen. Man kann also mit dem Kauf im Zweifelsfalle nichts schlimmeres tun, als zum finanziellen Einkommen eines verdienten Künstlers beizutragen.

[Als Rezensionsgrundlage diente die englische Originalfassung.]

 

Bryan Talbot
Grandville
Schreiber und Leser
ISBN 978-3-941239-87-6

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