Graphic Novel – Ed Piskor, Wizzywig

Bereits in seiner Kindheit ist Kevin Phenicle ein Hacker: Er hackt einen Spieleautomaten mit einer Münze an einem Faden, er hackt das Bussystem mit einem gekauften Entwerter und er hackt einen Pizzaladen, weil er angeblich eine Pizza für seinen nicht existenten Bruder besorgt. Das Hacken ist für den Aussenseite eine zweite Natur: Das Geld ist knapp, aber wenn man weiß wie, dann kann man trotzdem an alles was man will herankommen.

Sein Wissen und seine Fähigkeiten bleiben nicht stehen: Die Systeme der Telefongesellschaft ist ebenso wenig vor ihm sicher, wie Computer oder die ersten Blüten des kommenden Internet, die Bulletin Boards (BBS). Aus Kevin wird der Hacker „Boingthump“ und mit seinen Fähigkeiten werden auch seine Ziele größer: Kurz nach seinem High School-Abschluss wird er zum ersten Mal verhaftet. Mittels Social Engineering in eine Telefongesellschaft einzudringen läßt auch das FBI nicht kalt.

Danach wird sein Leben zu einem Wettstreit zwischen dem inzwischen legendären und von den Medien verteufelten Hacker „Boingthump“, der sich auf der Flucht befindet und dem ihn verfolgenden FBI. Wo dies endet, daraus macht die Geschichte von Anfang an keinen Hehl: In der Einzelzelle eines Hochsicherheitsgefängnisses. Nur sein Jugendfreund Winston kämpft auf verlorenem Posten noch für ihn…

„Boingthump“ ist keine reale Figur. Seine Fähigkeiten und Lebensgeschichten sind ein Amalgam verschiedenster Hacker und Phreaker (Telefon-„Hacker“), die im Comic auftauchenden „Free Kevin“-Sticker und die jurististische Auseinandersetzung sind beispielsweise eine Anspielung auf den Hacker und heutigen Sicherheitsexperten Kevin Mitnick.
Das Alias „Boingthump“ wiederum ist eine Referenz an Autor Ed Piskors normalen Arbeitgeber: Das in Computerkreisen äußerst einflußreiche Blog Boingboing, wo Piskor seine Comicserie „Brain Rot“ veröffentlicht. Zugleich war Piskor nicht zuletzt auch einer von Underground-Comiclegende Harvey Pekars Partnern (bei dessen Buch „The Beats“).

Diese Zusammenarbeit ist dabei ein Schlüssel zu dem Buch an sich: Piskor ist mehr dem Underground-Comic als dem Mainstream verschrieben. Nicht selten wundert man sich auf den Seiten über die mißratene Anatomie seiner Figuren, die merkwürdige Perspektiven oder karikaturesken Ausbrüche. Auch das Layout kommt selten über Standard 3×2 Bilder hinaus. Dabei ist das Format nicht zuletzt der Tatsache geschuldet, dass „Wizzywig“ zuerst im Netz veröffentlicht wurde (und dort heute immer noch gelesen werden kann, ebenso wie sein Nachfolger „Deleterious„) und dies ein Kompromiss gegenüber der Buchveröffentlichung darstellt.

Doch genau hier offenbart Piskor auch eine seine größten Stärken: Bereits in der Onlineveröffentlichung hat er Geschichte durch ständige Perspektivwechsel variiert, gibt dem Leser ständig Neues, wenn er mal in Interviews, mal in Dialogen, mal in inneren Monologen oder mittels angeblicher TV-Reportagen seine Geschichte erzählt. Da wo sich bei Piskor die Schwächen des Underground-Comics zeigen, da läßt er auch dessen Stärken spielen.

Natürlich muß man für „Wizzywig“ Interesse am Thema Hacking und Computernerds mitbringen. Wer das tut, bekommt einen der unterhaltsamsten Remixe zu diesem Thema zu lesen.

[Zur Rezension diente die englische Buchausgabe.]

 

Ed Piskor
Wizzywig
Top Shelf
ISBN 978-1-60309-097-1

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