Graphic Novel – Nicolas Presl, Le fils de l’ours père

Es ist ein Moment der sentimentalen Schwäche, die den Jäger und Holzfäller dazu verführt mit dem Bärenkind zu spielen. Doch als die Bärenmutter hinzukommt, erschrickt der Mann so sehr, dass er sie erschießt. Zwischen dem Leichnam der Mutter und dem Bärenkind, sieht er nur einen Weg sein offensichtliches Verbrechen zu sühnen: Er nimmt das wilde Bärenjunge mit zu seiner bisher kinderlos gebliebenen Frau…

Doch die merkwürdige Familie wird vom Schicksal gebeutelt: Zwar wächst das Bärenkind zu einem Artisten heran, doch als es von einem Jungen bei einer Vorstellung malträtiert wird, bricht das Tier in ihm hervor. Sein Ersatzvater endet deshalb im Gefängnis und in diesem Moment der gemeinsamen Verzweiflung kommt es zur Annäherung zwischen Bär und Frau. Die Geburt des „Sohn von Vater Bär“ steht bevor und diese führt noch tiefer in Fragen von Schuld, Sühne, Strafe und Identität.

Es sind die ganz großen Themen, die Nicolas Presl in seinem allegorischen, grafischen Werk „Le fils de l’ours père“ (etwa „Der Sohn von Vater Bär“) wälzt und doch fällt dabei kein einziges Wort. An keiner Stelle verläßt er sich auf die Sprache, stattdessen taucht er ganz tief in die Kunstgeschichte ein, um im wahrsten Sinne des Wortes expressionistische Bilder für sich sprechen zu lassen. In einem Interview hat Presl Picasso als eines seiner Vorbilder genannt und die Guernica-artigen Verrenkungen seiner Figuren ist ein deutliches Indiz dafür. Doch insgesamt ist es die Kunst des frühen 20. Jahrhunderts, die Presl tief eingesogen hat und hier in schwarzen gnadenlosen Tuschelinien wieder zu Papier bringt: Georg Grosz, Max Ernst, Frans Masereel und ihre grafischen Werke finden sich nicht nur stilistisch, sondern auch im Layout wieder.

Doch dies ist nicht das Comic eine Kunststudenten, der glaubt diese Form einmal ausfüllen zu müssen. Zum einen hat er mit „Priape“ und „Fabrica“ bereits erfolgreiche Comics vorgelegt gehabt. Nein, Presl kennt sich in der Comic-Welt gut aus. Letztendlich greift er in „Le fils de l’ours père“ diesselben Themen wie etwa in den zeitgleich erschienen „Sweet Tooth“ von Jeff Lemire oder „The Arrival“ von Shaun Tan auf (letzteres vor allem in der zweiten Hälfte). Dadurch verortet er seine Geschichte, trotz der in der Vergangenheit verwurzelten Grafik, sehr deutlich im Hier und Jetzt.

Auch wenn Presl nicht den kommerziellen Erfolg wie Tan oder Lemire hat, kann man sein Werk ohne weiteres zwischen diesen beiden ins Regal stellen, ohne dass es im Vergleich dazu abfällt. Er hat nicht wie Tan die Romantik oder den Mainstream-Plot wie Lemire, Presl hat die Kunst auf seiner Seite.

[Zur Rezension diente die ohne Worte auskommende Originalausgabe.]

 

Nicolas Presl
Le fils du père ours
The Hoochie Coochie
ISBN 978-29160-4912-0

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