Graphic Novel – Moebius & Jiro Taniguchi, Icare

Es liegt nicht wenig Ironie darin, dass das Interesse an großen Künstlern nach ihrem Tod plötzlich aufflammt. Im Falle des großen französischen Comickünstlers Moebius hat dies dazu geführt, dass zur Zeit alle seiner Werke derzeit vergriffen sind. In Deutschland unternimmt Carlsen einen ehrenwerten Versuch dies zu ändern, doch in Moebius‘ Heimatland ist wegen lästigem Streit um die von Moebius hinterlassenen Urheberrechte nicht damit zu rechnen, dass seine Alben bald wieder erhältlich sein werden.

Nur einigen wenigen Werken ist es gelungen zwischen den Ritzen des Systems hindurch zu fliehen und dazu gehört die bereits vor Moebius‘ Tod geplante Neuauflage von „Icare“ (Ikarus), der einzigartigen Kollaboration zwischen der Comiclegende Moebius („Blueberry“, „Der Inkal“) und Jiro Taniguchi („Der Gipfel der Götter“, „Der spazierende Mann“), dem man ebenfalls gewillt ist einen solchen Ruf zuzusprechen.

Dennoch ist „Icare“ in Wahrheit sowohl ein Ausreißer, wie auch ein unerfülltes Versprechen: Ursprünglich entstanden in dem kurzen Zeitraum, wo es so aussah, als ob das Reich des Manga sich mit dem franko-belgischen Comic verbrüdern würde (Anfang der 90er), endete sein Lebenslauf auch mit dieser kurzen Ära. Wie man im Anhang des Comics nachlesen kann, sollte der nun einzig vorliegende Band von „Icare“ der Beginn einer Serie sein, die allerdings niemals zustande kam.

Übrig geblieben ist ein Prolog: Die Geschichte eines Jungen, der die Fähigkeit zu fliegen besitzt und in einer Welt, die von machtgierigen Militär beherrscht und von Selbstmordattentätern bedroht wird, zu einem Versuchsobjekt wird. Doch angesichts der Versprechungen der Liebe und der Freiheit erwacht im Laufe der Geschichte sein Wille zur Selbstbehauptung.

Die großen Intrigen, deren erste Fäden gesponnen werden; die Fraktionen und Figuren, die um die Macht ringen; die Liebesgeschichte; all diese Elemente werden angerissen, aber nicht auserzählt. Mindert das die Qualität von „Icare“?

Man kann mit Sicherheit sagen, dass dies grafisch nicht der Fall ist: Gerade das hier ein vor allem für seinen Realismus bekannter Zeichner (Taniguchi) auf einen Künstler und Szenaristen trifft, dessen Werk die Grenzen des Surrealen und Fantastischen neu definiert hat, schafft ein aufregendes Spannungsfeld. Taniguchi stellt sich dieser Herausforderung indem er sich bei Moebius‘ Stil bedient: Moebius Zeichnungen sind geprägt von fliegenden Figuren, seine Linien sind fein, weich und die Farben selten schwer, sondern hell und luftig. Dies behält Taniguchi bei, übersetzt es in feine Tuschelinien und helle Schattierungen und setzt seine typischen klaren Panels neben rein grafische, nicht selten ganzseitige Panels die den (Erzähl-) Raum öffnen und ihm Tiefe geben.
Das Ergebnis erinnert (auch bedingt durch inhaltliche Parallelen) nicht selten an Katsuhiro Otomo („Akira“), behält aber dennoch deutlich erkennbare Elemente sowohl von Taniguchi, wie auch Moebius bei.

Und gerade dies prägt letztendlich „Icare“ insgesamt: Wie zwei erfahrene Jazzmusiker, die gemeinsam auf einer gegebenen Bühne gemeinsam improvisieren, bleiben sich beide Künstler treu ohne den anderen zu übertönen, sondern stattdessen luftig und respektvoll miteinander zu jammen.
Dass das Konzert vorzeitig abgebrochen werden mußte… Bedauernswert! Aber die einmal gehörten Melodien summt man sicher noch länger vor sich hin.

[Als Rezensionsexemplar diente die französische Neuauflage.]

 

Moebius & Jiro Taniguchi (mit Jean Annestay)
Icare
Kana Manga (Dargaud)
ISBN 978-2-5050-0948-1

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