Graphic Novel – Paco Roca, Der Winter des Zeichners

Es ist nur selten der Fall, dass mich ein Comic ratlos zurückläßt. Natürlich gibt es Werke, die zu künstlerisch anspruchsvoll, zu hermetisch sind, um sie zu verstehen, wo Autor und Zeichner sich dem Zugang verwehren. Doch ansonsten bilde ich mir ein, genügend Comics zu kennen und genügend über Comics zu wissen, um mit den meisten von ihnen umzugehen. Doch dieses Wissen nützt wenig, wenn man auf eine andere Comic-Kultur stößt, wenn die bisher angeeignete Bildsprache, die Erzählformen oder die Traditionen ganz andere sind. Dann lernt man, in der Auseinandersetzung mit dieser Kultur, eine gewisse Form von Demut.
Aber der Reihe nach…

Paco Rocas „Der Winter des Zeichners“ spielt im Spanien der Jahre 1957/58: Der Comicmarkt dieser Zeit wird von dem Verlag Bruguera beherrscht, dessen Magazine an jedem Kiosk erhältlich sind. Die Zeichner des Verlags sind Lohnarbeiter. Wie im Akkord sitzen sie an den Zeichentischen und lassen sich Geschichten einfallen, die möglichst unterhaltsam und zugleich möglichst harmlos sind, um durch die Zensur des Franco-Regimes zu gelangen.

Doch für den kargen Lohn zahlen die Zeichner und Autoren einen hohen Preis. Ihre Rechte, ihre Figuren, ja sogar die Originalzeichnungen gehen an den Verlag über und verstauben eher in den Tresoren der Firma als dass man sie ihren Schöpfern überlassen würde. Bis fünf Zeichner die Nase voll haben: Carlos Conti, Guillermo Cifré, Josep Escobar, Eugenio Giner und José Penarroya begeben sich lieber in die wirtschaftliche Unsicherheit einen eigenen Verlag und ein eigenes Magazin aufzuziehen, als sich weiter von Bruguera entmündigen zu lassen…

Nun sollte ich dazu schreiben, dass diese fünf Zeichner überaus bekannte Klassiker der spanischen Comic-Kultur sind. Das wird sicherlich nicht jedem bekannt sein. Mir war es das beispielsweise nicht.
Denn „Der Winter des Zeichners“ ist ein Schlüsselroman: Er setzt reale Figuren, reale Begebenheiten in einem historischen Rahmen in Szene. Man kann davon ausgehen, dass das meiste in den – in einem extrem zurückgehaltenen, fast schon minimalistischen Stil gezeichneten – Panels sich so oder so ähnlich ereignet hat. Die bewußt statischen, unaufgeregten Bildkompositionen, in denen sich meistens nur die Figuren bewegen, entschleunigen das Geschehen noch weiter. Paco Roca macht auf jeder seiner Seiten klar, dass es ihm um Dokumentation und nicht um Dramatik geht.

Und dies ist gleichermaßen Fluch und Segen dieser Graphic Novel.
Hier wird etwas dokumentiert, dass ich selber nicht verstehe, wozu ich kaum einen Zugang habe, weil ich mit den Arbeiten spanischer Comiczeichner der 50er nicht vertraut bin. Mit Mühe kann ich mir die vielen Namen merken, die sich auf den knapp 120 Seiten tummeln: Für jemanden, der mit der Landschaft nicht vertraut ist, für den zieht das große Panorama einer Zeit mit verwirrender Schnelligkeit vorbei, ohne das man Details ausmachen könnte.

Zwar hat es meine Neugierde auf spanische Comics geweckt, doch letztendlich bleibt „Der Winter des Zeichners“ eine Graphic Novel für Kenner des spanischen Comics.

 

Paco Roca
Der Winter des Zeichners
Reprodukt
ISBN 978-3-943143-38-6

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