Graphic Novel – Joe Keatinge & Ross Campbell, Glory

Es gibt nur wenige Comics, die einen Fan dazu zwingen die eigene Sammlung nach uralten Exemplaren scheinbar längst vergessener Serien zu durchforsten, doch manchmal ist die Geschichte um die Comics genauso interessant wie die Geschichte in den Comics.

Natürlich muß das hier niemand lesen, man kann auch gleich Keatinges und Campbells „Glory“ kaufen und sich in die bluttriefenden Seiten stürzen, ohne etwas über die lange und verworrene Geschichte von „Glory“ zu wissen. Aber wenn man es tut, dann liest man „Glory“ ganz anders. Deswegen hier eine kleine Reise durch die Comicgeschichte.

„Glory“ ist eigentlich eine Schöpfung von Rob Liefeld, einem Zeichner und Autoren, dessen Karriere ebenso von gigantischen Erfolgen, wie ebenso großen Kontroversen gezeichnet ist. Heute nicht selten als einer der schlechtesten Comiczeichner verspottet, war Liefeld einer der erfolgreichsten der frühen 90er und gehörte zu den legendären sieben Gründern von Image Comics.

So tauchte auch die Superheldin Glory zum ersten Mal in dem damals reissenden Absatz findenden Liefeld-Serie „Youngblood“ auf. „Youngblood“ war eine kaum verhohlene Variante der „Avengers“, beziehungsweise der „X-Men“ und „Glory“ selber war eine ebenso wenig verschleierte Variante von DC’s Wonder Woman. In Liefelds Variante und in ihrer von 1995 bis 1997 verlegten eigenen Serie war sie nichts anderes als eine weniger zimperliche, weniger dem 50er-Jahre-Vorbild verhaftete Superheldin, deren Wurzeln gleichermaßen bei Amazonen, wie bei Dämonen lag, was dem Charakter einen deutlich düsteren Zug als ihrem Vorbild gab (auch wenn das in Liefelds effektheischendem Strich nicht unbedingt auffiel).

Dies änderte sich als Liefeld sich mit den anderen Image-Gründern zerstritt und seinerseits Awesome Comics gründete. Liefelds genialer Schachzug war es niemand anderen als damals weitgehend unbeschäftige Comiclegende Alan Moore („Watchmen“, „V for Vendetta“) für den Reboot seiner Serien anzuheuern. Allerdings kam es nie soweit. Alan Moore’s perfektionistischer Arbeitsstil führte zu Verzögerungen und durch den Mangel des Managements von Awesome ging der Verlag schnell pleite. Erst 2001 kam es – relativ unerwartet – doch noch zu einer Veröffentlichung von einer Paar Heften von Alan Moores „Glory“-Interpretation bei Avatar Press.

Allerdings hatte Alan Moores synkretistischer Stil mit seinen typischen Genrequerverweisen, verschachtelter Ironie und unzähligen Zitate aus Kultur und Geschichte, dem „Wonder Woman“-Verschnitt Glory nicht gerade gut getan. Wenn man die Comics heute nochmal liest, dann hat Alan Moores pompöser Stil, gepaart mit den übertriebenen Zeichnungen der damaligen Zeit, etwas unfreiwillig lächerliches. Vielleicht war das aber sogar sein Ziel…
Letztendlich war Glory als Charakter und auch als Serie nach Alan Moores Bearbeitung endgültig tot.

In einer Wendung, die man durchaus als unerwartet bezeichnen kann, versöhnte sich Liefeld 2007 mit seinen Image-Kollegen und eine vorsichtige Neuauflage seiner Serien kam in Gang. So wurde „Glory“ 2011 von Image-Redakteur und -Autor Joe Keatinge („One Model Nation“) und Zeichner Ross Campbell („Wet Moon“) übernommen, die die Serie mit Nummer 23 fast 10 Jahre nach ihrer Einstellung wieder aufnahmen. Trotz dieser traditionsverhafteten Nummerierung kommt diese Neuauflage einem Reboot gleich.

Und was für eine Neuauflage das ist: Sowohl von Liefeld, wie auch von Moores Vorarbeit bleibt kaum noch etwas übrig. Glory ist eine Amazone im wahrsten Sinne des Wortes: Sie ist eine alles überschattende Kriegerin, zum Kampf geboren, brutal und immer siegreich. Ihre Vorgeschichte wird als Kampf zweier außerirdischer Kriegerrassen neu interpretiert (Kirby’s „New Gods“ lassen grüßen) und sie selber ist eine alles zerstörende Kampfmaschine, deren Kraft eine Apokalypse hinaufzubeschwören scheint (hier erinnert sie – nicht nur visuell – an Supermans Nemesis Doomsday).

Um sie herum finden sich die junge Studentin Riley, die von Visionen von Glory geplagt wird und deren Schicksal im vorliegenden ersten Band noch nicht verraten wird; ebenso wie Gloriana, Glorys ehemaliges Alter Ego, in dieser Fassung eine eigenständige Figur.

Diese drei, auf vollkommen unterschiedliche Arten starken Frauen, finden nun in einem gemeinsamen epischen Kampf zusammen, der mit unglaublicher Härte ausgefochten wird. Keatinge und Campbell lassen nie Zweifel daran aufkommen, dass es hier um nicht weniger als alles geht. Dabei gelingt es ihnen gleichermaßen Action, wie auch die Charaktere diese Frauenfiguren mit einer Tiefe zu erzählen, die andere Superheldencomics vollkommen verblassen lassen; in denen Action ein Austausch von Popoklatschern unter Gentlemen und Frauenfiguren bestenfalls „Eye Candy“ sind.

„Glory“ ist deswegen ein Ereignis in den Superheldencomics, weil Charakter und Serie so tief aus der Comic-, wie auch der eigenen Geschichte schöpft und doch etwas Anderes darstellt, ein spannender, faszinierend Fremdkörper, der einen mit all seiner Wucht herausfordert.

[Als Rezensionsausgabe diente der erste Sammelband der englischen Heftausgabe.]

 

Joe Keatinge & Ross Campbell
Glory Volume 1 – The once and future Destroyer
Image Comics
ISBN 978-1-60706-604-0

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