Graphic Novel – Yoshihiro Tatsumi, Fallen Words

Japan in der Edo-Zeit: Ein Habenichts nistet sich bei einem Wirt ein und beeindruckt seinen Gastgeber mit seinen absurden Prahlereien so sehr, dass dieser ihn umsonst in seinem Hotel wohnen läßt. Doch die aufrichtige Naivität des Gastwirts beeindruckt den Habenichts so sehr, dass dieser zumindest von seinem Gastgeber ein Lotterielos abkauft und diesem die Hälfte des Gewinns verspricht, sollte es denn soweit kommen. Natürlich passiert genau dies. Doch statt nun erleichtert seine Schulden zu bezahlen, versetzt das Ereignis ihn geradezu in Schock, so daß er sich vor Scham in seinem Bett versteckt.

Dies ist die erste der acht „humoristischen Lehrstücke“, die der amerikanische Verlag Drawn and Quarterly in dem Band des japanischen Manga- und Gekiga-Veterans Yoshihiro Tatsumi versammelt. Tatsumi, der nicht zuletzt durch die Unterstützung des amerikanischen Indie-Comic-Stars Adrian Tomine („Sommerblond„) ein spätes internationales Comeback erlebt hat, ist mit der Veröffentlichung seiner Autobiografie „Gegen den Strom“ und seinen Kurzgeschichtensammlungen (alle erschienen bei Carlsen) auch in Deutschland bekannt geworden.

„Fallen Words“ reiht sich dabei nahtlos in das Werk Tatsumis ein. Ein Werk, dass insgesamt archetypisch für eine längst vergangene Epoche und Bewegungen des japanischen Manga stehen: Seitdem er als Autodidakt in den 50ern begann Manga zu zeichnen, sind seine Figuren auf den ersten Blick hölzern, seine Zeichnungen und das Layout im Kern einfach geblieben und kaum zu vergleichen mit dem heute bekannten, technisch ausgefeilten Mainstream-Manga. Gleichermaßen gehörte Tatsumi zur Gekiga-Bewegung, einem losen Künsterzusammenschluß, der sich bewußt vorgenommen hatte, Manga mit inhaltlich anspruchsvollen Themen für ein erwachsenenes Publikum zu gestalten.

All dies findet sich auch in „Fallen Words“ wieder: Die Geschichten spielen mehrheitlich in der Edo-Zeit (ungefähr von 1600 bis etwa 1850) und decken ein breites inhaltliches Spektrum ab. Von lebensnahen Alltagsgeschichten aus dem Rotlichtmilieu, über Märchen, bis hin zu Geistergeschichten decken sie einen großen Teil der klassischen Rakugo-Formen ab.

Rakugo (der Begriff kann mit „Fallen Words“ in Englische übersetzt werden) wiederum ist eine Erzählform, wie sie nur in Japan existieren könnte: Gleichermaßen formalisiert, wie auch auf Improvisation ausgelegt, strebt sie am Ende auf einen komischen Effekt zu. Das Komik dabei etwas ist, das in verschiedenen Ländern anders ausgelegt wird, dass kann man an Yoshihiro Tatsumis „Fallen Words“ gut erkennen: Sie besteht in dieser Form darin, dass die Geschichten mit einem aufgesetzt wirkenden Witz abrupt enden. Es ist daran nicht schwer nachzuvollziehen, dass Rakugo allgemein, und damit auch Tatsumis acht „Moralgeschichten“, einstmals eine Parodie auf buddhistische Predigten war. Das Ende karikiert den moralisierenden Inhalt.

Und damit erklärt sich auch die ambivalente Wirkung von „Fallen Words“ auf westliche Leser: Die Geschichten sind nicht nur in Inhalt, Aufbau, in ihrer Gestaltung, Präsentation und ihrer für uns manchmal befremdlich wirkenden Komik essentiell japanisch; das betrifft auch die Position ihres Schöpfers und umschreibt damit insgesamt ihren Wert.

[Zur Rezension diente die englische Ausgabe.]

 

Yoshihiro Tatsumi
Fallen Words – Eight Moral Comedies
Drawn & Quarterly
ISBN 978-1-77046-074-4

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