Graphic Novel – Ángel de la Calle, Modotti

Tina Modotti ist eine halb-vergessene Legende. Die Eckdaten ihrer Biografie wirken als ob sie einem koksenden Drehbuchautor eingefallen wären, dem man einen viel zu großen Vorschuss gegeben hat, damit er sich unter Zeitdruck eine Geschichte über die politische Linke in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts einfallen läßt. Denn man kann mit Sicherheit sagen, dass Tina Modotti in ihrem zu kurzen Leben nichts ausgelassen hat: Schauspieler im Hollywood der Stummfilmzeit, Fotografiepionierin in Mexiko, kommunistische Aktivistin, Agentin der Komintern, engagiert im spanischen Bürgerkrieg, geliebt von unzähligen Künstlern und Politikern und schließlich Opfer der stalinistischen Säuberungen. Ihr Epitaph verfasste niemand geringeres als der spätere Literaturnobelpreisträger Pablo Neruda. Unterhalb dieses Anspruches gab es kaum etwas in ihrem Leben.

Überhaupt der Versuch das Leben von Tina Modotti zusammenzufassen scheint annähernd überheblich und niemand kann es Ángel de la Calle nehmen, dass er es inhaltlich geschafft hat dieser Überfülle Herr zu werden. Während das Buch relativ linear von Tina Modottis Leben seit ihrer Ankunft in Mexiko 1923 bis zu ihrem Tod 1942 erzählt, bedient sich de la Calle eines erzählerischen Tricks: Anstatt eindeutig Position in den Ungereimtheiten und Unsicherheiten von Modottis Biografie zu beziehen, wechselt er immer wieder in seine eigene Perspektive, erzählt Anekdoten auf seinem eigenen Leben und von seiner „Modotti-Obsession“, wie es der ebenfalls in der Graphic Novel als Figur auftauchende Schriftsteller Paco Ignacio Taibo umschreibt.

Dadurch erlangt de la Calle die Freiheit vieles nach seiner Vorstellung zu inszenieren, gerade auch was die Rolle der vielen teils berühmten Männer in Tina Modottis Leben betrifft: Edward Weston, Diego Rivera, John dos Passos, Julio Antonio Mella, Egon Erwin Kisch, Ilja Ehrenburg, Sergej Eisenstein, und und und…
Auch wenn vieles zu kurz kommt (und kommen muss) und de la Calle einiges – sicherlich aufgrund der bloßen Fülle an Material – sehr plakativ ausbreitet, so erfüllt „Modotti“ doch damit die Erwartungen der Leser an eine Biografie: Man bekommt einen Ein- und Überblick über das Leben einer historischen Persönlichkeit.

Das Problem des Buches liegt leider wo ganz anders: Warum der Rotbuch Verlag dieses Buch verlegt ist sicherlich nicht schwer zu erraten, obwohl er nicht gerade für seine Comics bekannt ist. Das der Autor dieser Graphic Novel zugleich ein bekannter spanischer Intellektueller ist, wird bei der Entscheidung ebenfalls nicht geschadet habe. Als Mitorganisator des Kulturfestivals Semana Negra ist de la Calle zudem bestens innerhalb der Comicszene vernetzt.

Man kann deshalb mutmaßen, dass de la Calle durch die französischen Trends zu einfacheren, spontaneren Zeichenstilen wie sie etwa Joan Sfar oder Lewis Trondheim etabliert haben, inspiriert ist. Deswegen überraschen die wilden, mit Tusche gesättigten, in einem konventionellen Muster arrangierten Panels zuerst nicht. Man kann es als stilistische Eigenheit betrachten, dass unter dem schroffen und groben Strich einer 0,9mm-Tuschefeder die Details verlorengehen. Doch in Anbetracht der Länge von „Modotti“ (rund 250 Seiten) wird dies doch schnell ermüdend: Manche Panels ersticken geradezu unter dem Last der breiten Schraffuren, Gesichter verkümmern zu bloßen Karikaturen und immer wieder tauchen Panels auf deren Inhalt man bestenfalls erraten kann.

Das de la Calle auch anders könnte, beweisen dabei einige im Anhang abgedruckte Vorzeichnungen die mit dünnem Bleistift ausgeführt wurden. Ihre mit dem Rest des Buches kontrastierende Leichtigkeit steht geradezu bildlich für den Wunsch dass jemand de la Calle die 0,9mm-Tuschefeder entrissen hätte, die an seiner Hand während der Dauer des Projektes festgewachsen zu sein scheint.
Was deswegen unter dem fetten Tuchestrich übrigbleibt ist eine inhaltlich weitgehend interessante Graphic Novel, die aber gestalterisch missraten ist.

 

Ángel de la Calle
Modotti
Rotbuch Verlag
ISBN 978-3-86789-137-0

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