Graphic Novel – Chris Ware, Building Stories

Nein, ich habe „Building Stories“ noch nicht vollständig gelesen und dennoch maße ich mir an es hier zu rezensieren. Warum? So wie „Building Stories“ einerseits mit „Gebäudegeschichten“, wie auch mit „Geschichten bauen“ übersetzt werden kann, so besitzt dieses Werk zwei sich gegenseitig ergänzende Naturen. Über jene für die Chris Ware wahrscheinlich den Titel „Geschichten bauen“ gewählt haben mag, möchte ich hier ein paar Sachen schreiben.

„Building Stories“ kommt in einer Box. Chris Ware, der ebenso Designer, wie Autor und Künstler ist, verwendet sie, um darin ein Sammelsurium aus 14 Heften, Wandzeitungen, Büchern, Paperbacks, Strips, Postern und einem Spielbrett unterzubringen.

In Scott McClouds 1993 erschienen Meilenstein „Understanding Comics“ (im Deutsch falsch mit „Comics richtig lesen“ übersetzt) überschrieb er ein Kapitel mit dem Titel „Blood in the gutter“ („Blut im Rinnstein“). Damit umschrieb er die Fähigkeit des Comics im Übergang zwischen zwei Panels die assoziativen Verbindungen beim Leser auszulösen, die aus Einzelbildern eine kohärente Geschichte machen. Wohl kaum ein anderer Autor hat seitdem dieses Prinzip experimentell vorangetrieben wie Chris Ware. Bereits in seinem frühen Werk (etwa „Quimby the Mouse“) wimmelt es von Diagrammen, Schemata und Graphen, die er als Komponenten für lineare, wie auch nicht-lineare Geschichten nutzbar machte.

Mit „Building Stories“ geht er diesen Weg konsequent weiter: Offensichtlich scheint er zu dem Schluß gekommen zu sein, dass der „Rinnstein“ nicht nur zwischen zwei Bildern, sondern auch zwischen verschiedenen Büchern und Heften existiert, wenn sie nur in einem gemeinsamen Kontext, wie etwa einer schön gestalteten Box, präsentiert werden. Damit beschreitet Ware einen Weg, den vor ihm nur einzelne Künstler (wie etwa Edward Gorey mit seinen „Toy theatres„) beschritten haben.

„Building Stories“ ist deswegen sowohl Comic, wie auch Kunstobjekt. Chris Wares Kunst besteht in seiner Bereitschaft und Willen ein Medium bis an seine Grenzen auszureizen, diese aber auch zu überschreiten, damit etwas Neues zu schaffen und zugleich ein kohärentes Ganzes zu präsentieren.

Denn auch wenn die bisherigen Abschnitte etwas anderes vermuten lassen, „Building Stories“ erzählt auch eine Reihe zusammenhängender Geschichte: In deren Mittelpunkt stehen vor allem von Frauen (und eine Biene!), die zufälligerweise alle in demselben Ziegelgebäuden leben. Der Hauptteil der Geschichte handelt von einer Namenlosen, die sich zwischen dem Altern und Tod ihrer Eltern, der Suche nach einem Partner und schließlich der Geburt ihrer Tochter aufreibt.

Die einzelnen Abschnitte ihres Lebens und der Schicksale um sie herum finden sich in der Box in zeitlich rein zufälliger Reihenfolge wieder. Zwar ergibt sich aus dem Kontext an welcher Stelle ihres Lebens der Leser sich gerade befindet, doch die Box hebt, ebenso wie Wares Liebe zu komplexen Grafiken, die Linearität des Zeitablaufes auf. Blut sammelt sich im Rinnstein, die Geschichte wird zum Gedanken- und Assoziationsgebäude, das weit über seine eigenen Grenzen hinausgeht. Das gewählte Medium Comic tritt hinter dem Werk zurück.

Deswegen habe ich mir erlaubt, mir Gedanken über „Building Stories“ zu machen, ohne seinen Inhalt (den Ware bereits zuvor teilweise in seiner Reihe „ACME Novelty Library“ gesammelt hatte) vollständig zu kennen. Man konsumiert es nicht als Comic und man sollte es auch nicht tun.

Man lehnt sich sicher nicht zu weit aus dem Fenster, wenn man vermutet, dass in nicht allzu ferner Zukunft die Werke von Chris Ware es in die Museen dieser Welt schaffen werden. Mit „Building Stories“ kann man sich eines davon ins Regal stellen.

[Hinweis: Als Rezensionsexemplar diente die englische Originalausgabe. Der Rezensent hat noch keine sinnvolle Möglichkeit gefunden, diese in seinem Regal unterzubringen.]

 

Chris Ware
Building Stories
Pantheon Books
ISBN 978-0-375-42433-5

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