Graphic Novel – Jim Henson, Jerry Juhl und Ramón Pérez, Tale of Sand

Jim Henson ist eine Legende. Als Schöpfer der Muppets und der Sesamstraße hat er bleibende Schöpfungen der TV-Geschichte hinterlassen, so dass sich viele an ihn, nicht zuletzt aus bloßer Nostalgie, erinnern. Es ist also nicht verwunderlich, dass seine Erben nach seinem Tod die Hinterlassenschaft gesichtet haben, um darin das eine oder andere zu finden, was für die Fans noch reizvoll sein könnte. Eine dieser Fundsachen ist ein Drehbuch aus den 70er Jahren, dass Henson gemeinsam mit inzwischen ebenfalls verstorbenen Autoren Jerry Juhl verfasst hat.
Anstatt daraus einen Film zu machen, wurde das Drehbuch dem Illustrator und Comiczeichner Ramón Pèrez („JSA“, „Nyx“, „Butternutsquash„) übergeben, der daraus eine Graphic Novel gemacht hat, die nun vorliegt.

Bevor man sich an die Lektüre macht, muß man sich bewußt machen, dass „Tale of Sand“ ein Produkt einer längst vergangenen Ära ist: Im Vorwort wird angedeutet, dass das Drehbuch sich seit Mitte der 70er-Jahren, dem Zeitpunkt an dem Henson und Juhl sich entschieden hatten es nicht weiter zu verfolgen, nicht verändert hat.

Die Geschichte amtet diese Zeit, in der unter dem Einfluß pyschedelischer Drogen, ausufernden Prog-Rock und billiger Kameras Filme entstanden, die heute immer noch zugleich atmosphärisch-assoziativ dicht, wie auch verworren erscheinen (als Beispiele seien hier etwa „Thunderbolt and Lightning“, „Point Blank“ oder „Wise Blood“ genannt).

Die Handlung von „Tale of Sand“ reiht sich nahtlos daran an. Im Prinzip ist die Graphic Novel eine einzige Chase-Sequenz, die mit dem allernötigsten auskommt: Ein Reisender feiert bei einem Dorffest mit und wird dort scheinbar willkürlich ausgewählt an einem Spiel teilzunehmen, dass daraus besteht, das ihn ein gnadenloser Killer durch die Wüste hetzt. Der Rest ist eine einzige Flucht, die (ganz verschrieben den 70ern) immer surrealistischer wird, indem sie sich so ziemlich jedes Filmelements bedient, das ihm in die Quere kommt. Von Indianern, über Kriegsfilme, arabischer Reiterhorden, bis zur obligatorischen Autoverfolgungsjagd.

Man sollte „Tale of Sand“ deswegen nicht wegen seiner Geschichte in die Hand nehmen, die eher ein Relikt oder Museumsstück ist, als irgend etwas anderes.

Das man den Band dennoch nicht einfach beiseite legt, liegt an der Umsetzung durch Ramón Pérez: Starkes, extrem souveränes Character Design, das den Mangel an Dialog durch Mimik und Gestik vergessen macht, sowie die detaillierte Hintergründe variiert er durch die unterschiedlichsten Techniken. Unschärfen, die Imitation verschiedenster Medien und Collagetechniken paart er mit einer an den besten Stellen geradezu expressionistischen Farbgebung, die von einem vollen Spektrum, bis hin zu monochromen Passagen reicht. Zugleich verläßt er sich dabei auch nicht die Geschichte von A nach Z einfach durchzudeklinieren, sondern unterstreicht ihren surrealen Charakter durch Collagetechniken und immer neue Layoutvarianten, die sich weitab des Mainstream bewegen.
Man kann eigentlich nicht genug betonen, dass Ramón Pérez inspirierte Umsetzung eine seiner bisher besten Arbeiten ist und zugleich das inzwischen mit einigen Preisen ausgezeichnete „Tale of Sand“ vor der Bedeutungslosigkeit rettet.

Wie jedes gutaussehende Relikt einer anderen Zeit oder ein Buch darüber, ist „Tale of Sand“ keine inhaltlich interessante Graphic Novel, sondern eigentlich so etwas wie ein Coffeetable Book: Ein vielversprechender Name erregt die Aufmerksamkeit und sobald man die hinreißende Gestaltung im Buch sieht, blättert man gerne durch die Seiten.

 

Jim Henson, Jerry Juhl und Ramón K. Pérez
Tale of Sand
Archaia Entertainment
ISBN 978-1-936393-09-1

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