Grimms Märchen: Es war (schon) einmal

Die Brüder bemühten nicht nur Märchenfrauen, um ihre Sammlung an Kinder- und Hausmärchen zu erweitern, sie studierten auch andere Märchenausgaben, die ab dem Ende des 18. Jahrhunderts zunehmend populärer wurden. Inwieweit sie ihre französischen und italienischen Vorgänger Charles Perrault (Contes du Fées, 1697), und Giovanni Francesco Straparola (Le Piacevoli notti, 1550 und 1553) sowie Giambattista Basile (Pentameron, 1634 und 1636) kannten? Im Textvergleich ergeben sich teils interessante Parallelen und noch spannendere Unterschiede wie zum Beispiel bei Dornröschen bzw. der schlafenden Schönen, wie schon Adele herausfand. Die vorletzte Tür unseres Brüder Grimm Countdowns: wie viel Grimm steckt in Grimms Märchen?

Die schlafende Schöne

Gustave Doré, 1867_Sleeping Beauty von Charles Perrault, PD

Endlich kam er in ein schönes Zimmer, das über und über vergoldet war; hier sah er auf einem Bett, dessen Vorhänge auf beiden Seiten offen waren, das schönste Schauspiel von der Welt, das er je erblickt hatte, eine Prinzessin von etwa fünfzehn oder sechzehn Jahren, von deren strahlendem Gesicht etwas Leuchtendes und Göttliches ausging. Zitternd und voll Verwunderung näherte er sich ihr und sank neben dem Bett auf die Knie. Nunmehr, da in diesem Augenblick die Bezauberung endigte, erwachte die Prinzessin und sah ihn mit so zärtlichen Augen an, wie ein erster Blick nicht zärtlicher sein kann. »Seid Ihr es, mein Prinz«, sagte sie zu ihm, »Ihr habt lange auf Euch warten lassen«.“ – Charles Perrault: Die schlafende Schöne (gemeinfrei, nachzulesen auf zeno.org)

Adeles Brief an Balder

Werter Balder,

begeistert blättere ich durch unsere Archivakten, habt Dank für die Zusendung. Verblüffend, wie viele Parallelen es hier doch gibt bei Perrault und Basile, doch was sage ich: es war uns ja bekannt. In Caßel wird nur gerade so überzeugend an den eigenen, verklärenden Versionen festgehalten… Und was haltet ihr vom Ende der Menschenfresserin?

Die Menschenfresserin erkannte die Stimmen ihrer Schwiegertochter und ihrer Enkel, und rasend vor Wut, weil sie sich betrogen sah, befahl sie sogleich mit einer fürchterlichen Stimme, vor welcher alles zitterte, den anderen Morgen eine große Kufe in den Hof zu bringen und sie mit Kröten, Vipern, Nattern und Ottern anzufüllen, um die Königin, ihre Kinder, den Haushofmeister, seine Frau und seine Magd hineinzuwerfen. Sie hatte Befehl gegeben, sie mit gebundenen Händen herbeizuführen; die Henker waren schon im Begriff, sie in die Kufe hineinzustürzen, als der König, den man so bald nicht erwartet hatte, in den Hof geritten kam. Er war ganz entsetzt über das furchtbare Schauspiel, zu welchem er hier kam, und fragte, was es bedeuten solle. Niemand wagte es, ihm Auskunft darüber zu geben, als seine Mutter, wütend über das, was sie sah, sich in die Kufe stürzte und sogleich von den giftigen Tieren aufgefressen wurde. Der König betrübte sich darüber, denn sie war seine Mutter, aber er tröstete sich bald in den Armen seiner schönen Gemahlin und seiner liebenswürdigen Kinder.“ (Charles Perrault, Die schlafenden Schöne)

Zwillinge, menschenfressende Schwiegermutter – wissen wir, was dahintersteckt? Sind es tatsächlich zwei Geschichten und die Brüder Grimm beziehen sich auf einen anderen, vielleicht weniger düsteren Hintergrund? „Ächt hessisch“ ist Dornröschen nun ja eben nicht und die Mär von der Zappenburg… Nun gut, ich werde das weiter verfolgen.

Habt Dank! – A.

 

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