Graphic Novel – Pénélope Bagieu & Boulet, Wie ein leeres Blatt

Eine junge Frau sitzt auf einer Bank mitten in Paris und kann sich nicht daran erinnern, wie sie dorthin gekommen ist. Schlimmer noch, sie bemerkt, dass ihre gesamte Erinnerung an ihr bisherigen Leben fehlt. Nicht einmal ihr Name fällt ihr ein.

wie_ein_leeres_blattMittels ein paar Objekte aus der Tasche, die sie bei sich hat, kann sie rekonstruieren, dass sie wohl Eloïse heißt und wo sie wohnt. Doch nicht nur die Wohnung, sondern dass ganze Leben, dass sie vorfindet ist ihr fremd: Sie kann sich weder an ihren Beruf, noch an ihre Freunde erinnern, das Passwort ihres Computers ist eine unüberwindliche Hürde, doch das größte Rätsel bleibt die Ursache ihre Amnesie. In ihren schlimmsten Vorstellungen wurde sie vo Aliens entführt, ist Agentin eines Geheimdienstes oder die Geliebte eines mysteriösen Amerikaners. Doch weder ihre Fantasie, noch die nichtssagenden Alltagsgegenstände ihres Lebens vor ihrer Amnesie bieten ihr Antworten auf ihre drängenden Fragen. Sie muß sich um jeden Preis selber hinterherforschen…

Ein Leben, dass sich in einem gesichts- und charakterlosen Paris, in anonymen Mega-Buchläden und auf Facebook abspielt, aber das Boulet („Raghnarok“, „Donjon – Zenith“) und vor allem Zeichnerin Pénélope Bagieu („Josephine“) sowohl in seiner Banalität, wie auch in seinen Eigenheiten einfangen. Gerade dies macht die Suche ihrer verwirrten und verirrten Heldin Eloïse so spannend: Die Detailfülle der Figur steht in einem so starken Kontrast zu ihrem Mangel an Erinnerung, dass Eloïse selber nicht von ihrer Suche lassen kann.

Dabei sind die Zeichnungen Bagieus nur auf den ersten Blick einfach und in einem kokett mädchenhaften Stil gehalten. Es ist zu befürchten, dass der Carlsen Verlag „Wie ein leeres Blatt“ mit seinem „For Ladies“-Label dem Buch deswegen keinen Gefallen tut. Zum einen gelingt Pénélope Bagieu – wie man es nur selten in Comics sieht – ihre Figuren mit einer detaillierten Mimik und Gestik auszustatten, die ihnen erstaunliche Tiefe verleiht. Zum anderen zieht ihr Stil den Leser in seiner vermeintlichen Harmlosigkeit in eine Geschichte von – ja, doch diese Wortwahl ist hier angemessen – existentieller Tiefe und mildert deren Härte mit Humor ab.

Doch „Wie ein leeres Blatt“ ist keine trockene Analyse, sondern vor allem eine spannende Geschichte. Eloïses Spurensuche funktioniert nicht zuletzt wie ein guter Thriller, in dem ein Rätsel nur zu weiteren Fragen führt, hinter denen sich ein erschreckendes Geheimnis verbirgt. Wer hätte gedacht, dass die Identitätssuche einer unglücklichen Buchhändlerin derart spannend sein kann?

Doch erst wenn es einem dann doch gelungen ist, dass Buch beiseite zu legen (wahrscheinlich, weil man es ganz schnell zuende gelesen hat), entpuppt es sich vollständig: Denn das, was Eloïse wirklich so sehr beschäftigt, wird auch den Leser anschließend nicht einfach loslassen…

[Als Rezensionsexemplar diente die französische Originalausgabe.]

 

[Die Deutsche Ausgabe erscheint im März.]
Pénélope Bagieu
& Boulet
Wie ein leeres Blatt
Carlsen
ISBN 978-3-551-75109-6

Kategorien Blog | tagged , , , , , | Bookmark permalink

Kommentare sind geschlossen.

  • Glossar
    Das wilde Dutzend Verlag
  • Facebook
  • Kontakt
    Das wilde Dutzend Verlag
    Hagenauerstr. 2
    D-10435 Berlin
    fon: 030 28 88 31 99
  • Google+
  • Newsletter
    Monatliche News aus Berlin
    * indicates required
  • Adeles Salon
    Das wilde Dutzend Verlag
  • Tagcloud