Graphic Novel – Wilfrid Lupano & Jérémie Moreau, Le singe de Hartlepool

Vor der englischen Küste, irgendwann während oder nach den Napoleonischen Kriegen kreuzt ein französisches Patrouillenboot. An Bord ein engstirniger Kapitän, der zweisprachige Matrosenjunge Philip und ein Affe. Letzterer ist der Stolz des Kapitäns, weil er es geschafft hat dem Affen beizubringen in Uniform über das Deck zu marschieren. Der Matrosenjunge hingegen ist für den Kapitän bestenfalls Ballast und wird bei der ersten sich bietenden Gelegenheit über die Planke geschickt…

le_singe_de_hartlepool_smallHier könnte die Geschichte fast schon zu Ende sein, doch sie beginnt erst: Das Schiff wird in einem Sturm zerstört. Philip und der Affe landen – getrennt voneinander – an der Küste der kleinen englischen Ortschaft Hartlepool. Während Philip in das naiv-grausame Spiel einiger Jungen aus dem Dorf und des durchreisenden kleinen Charles verwickelt wird, wird der Affe von den mißtrauischen Dorfbewohner gefangen genommen. Seine Uniform interpretieren sie als Zeichen seiner Gefährlichkeit, sein ängstliches Geschrei als Französisch. Für sie ist sofort klar wen sie vor sich haben: Einen französischen Spion, dem schleunigst der Prozess gemacht werden muß!

Philip, die Waise Melody, ihr verkrüppelter Großvater, der Arzt Robert und sein Sohn Charles sind in dieser Geschichte Fiktion, der Affe hingegen ist zumindest als englische Volkssage in die Geschichte eingegangen. Die eigentliche Geschichte von „Le singe de Hartlepool“ (Der Affe von Hartlepool) hält sich dabei eng an diese Vorlage, schmückt sie aber mit weiteren Charakteren, Lokal- und Zeitkolorit aus. Dabei sind es vor allem die Figuren von Zeichner und Comic-Debütanten Jérémie Moreau, die den eher metaphorischen, als realen Ort Hartlepool zum Leben erwecken. Seine Figuren sind letztendlich teils mehr, teils weniger groteske Karikaturen, die wild gestikulierend sich selber und ihrer absurd-beschränkten Gedankenwelt Luft machen.

Über den meisten der farbigen Panels scheint dabei ein schwerer blau-grauer Schleier zu liegen, der nicht nur die reale Kälte des Küstenortes Hartlepool, sondern vor allem auch die geistige seiner Bewohner einfängt. Dabei bleiben sowohl die stimmungsvolle Tempera-artige Farbgebung, wie auch die Zeichnungen ständig im skizzenhaften: Die teils zittrige, teils erstaunlich feine Linienführung mischt sich mit Farbklecksen und Verfärbungen, die auch dann Dynamik im Bild erzeugen, wenn für einige Momente die Handlung in den formlos, aber klassisch arrangierten Panels zur Ruhe kommt. Doch das ist selten der Fall, denn es gibt nichts, was die Figuren zurückhalten würde, außer sie bleiben des Effektes halber in einer wichtigtuerischen Pose stehen.

Die grafische Gestaltung dürfte einer der Gründe sein, warum „Le singe de Hartlepool“ zur offiziellen Auswahl des wichtigen Comicfestivals von Angoulême gehört. Es ist nicht so, dass Szenarist Wilfried Lupano schlechte Arbeit abgeliefert hätte. Der als Routinier bekannte Autor Lupano hat inzwischen ein gleichermaßen umfangreiches, wie auch diffuses Werk von Western („Der Mann, der keine Feuerwaffen mochte“, Deutsch bei Splitter), über Fantastisches („Alim der Gerber“, ebenfalls bei Splitter) bis politische Satire abgeliefert („Les aventures de Sarkozix“). Auch mit „Le singe de Hartlepool“ liefert er wieder verläßliches Handwerk ab. Auch wenn er an einigen Stellen etwas zu sehr seine Botschaft in den Vordergrund rückt, der Band versteht es eine alte Volkssage in ihrer absurden, parabelhaften Eindeutigkeit in groteske, stimmungsgeladene Bilder zu packen.

[Als Rezensionsexemplar diente die französische Ausgabe.]

 

Wilfrid Lupano & Jérémie Moreau
Le singe de Hartlepool
Delcourt Mirages
ISBN 978-2-7560-2812-5

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