Graphic Novel – Ed Brubaker & Sean Phillips, Fatale

H.P. Lovecrafts Cthulhu-Mythos ist wohl einer der am meisten mißbrauchten Großlegenden der Literatur. Wenn Cthulhu tatsächlich existieren würde, hätte sich der Schrecken aus der Tiefe inzwischen sicherlich schon mehrfach selber ertränkt, angesichts der Tatsache, dass er inzwischen so ziemlich für alles hat herhalten müssen. Es gibt wohl inzwischen wohl kaum einen Autor, Grafiker oder Spieledesigner der die untoten Götter aus Lovecrafts geistiger Krypta noch nicht als Deko für die eigene Show verwendet hat. Das ist mal gelungener, mal eher peinlich.

Nun haben Noir-/Crime-Spezialist Ed Brubaker und sein erprobter Zeichenkumpane Sean Phillips der Versuchung der großen Alten auch nicht wiederstehen können…

fatale-001_smallNicolas Lash ist der Nachlassverwalter des Ex-Journalisten Dominic Raines. Auf dessen Beerdigung trifft er die verführerische Jo und mit dieser Begegnung beginnt für Nicolas ein Abwärtsstrudel: Nachdem er ein Manuskript mit Raines‘ als Roman getarnter Biographie findet, bringt ihn eine anschließende Verfolgungsjagd prompt ins Krankenhaus. Dort findet er die Zeit endlich Raines‘ Manuskript genauer durchzulesen und hier beginnt die eigentliche Geschichte…

Raines ist ein junger Reporter im San Francisco der 50er. Er begegnet scheinbar durch Zufall einer Josephine, der Geliebten des korrupten Cops Walt Booker. Booker arbeitet derzeit an der Aufklärung bizarrer Ritualmorde. Doch vor allem ist er mit dem eigenen Überleben beschäftigt: Krebs zerfrißt seinen Körper und er ist bereit alles dafür zu tun, um sich noch ein paar Jahre zu erkaufen. Dafür ist er sogar bereit seinen wertvollsten Besitz an jene Mächte zu verkaufen, deren Blutspur sich derzeit durch die Stadt zieht: Josephine.
Deren Schicksal ist an das seine gebunden und Josephine ihrerseits ist bereit alles dafür zu tun, um genau das zu verhindern. Und dafür benötigt sie Raines…

Verbrechen, Mord, Intrigen, Ritualmorde, uralte Mächte, die in den Schatten lauern und eine Femme fatale, die nicht nur Macht über die Körper der Männer, sondern auch über deren Seelen besitzt. Ed Brubaker und Sean Phillips haben sichtlich Spaß daran ihre in Serien wie „Incognito“, „Sleeper“ und „Criminal“ erprobten Crime- und Thriller-Werkzeuge um das Horrorinventar anzureichern.

Phillips tusche-getränkten, durch Farben kaum aufgehellten Panels liefern wieder die perfekte Illusion einer realistischen Epoche, die doch hier – noch mehr als in seinen Superhelden-Comics – von der Vorstellung lebt. Der Vorstellung einer Zeit, die wir durch Filme, Comics und Bücher zu kennen glauben. Die aber längst ein popkulturelles Eigenleben entwickelt hat, das Phillips sie nur einzufangen braucht, um sie uns glaubhaft zu schildern.

Beide Macher kennen die Regeln ihrer Metiers gut genug, um deswegen zu wissen, wo und wie sie innerhalb dieser Welt glaubhaft das Fantastische platzieren können. Booker, Raines und Lash sind dabei auf den ersten Blick typischen Lovecraft-Helden: Unbedarft und in ihrem vermeintlichem Wissen über die Welt erschreckend naiv liefern sie sich abgründigen Mächten, aber vor allem einer Frau aus.

Die Geschichte folgt dabei aber dann doch eher den Regeln des klassischen Film noir-fatale-002_smallKrimis, als denen von Lovecrafts Welt. Und genau hier liegt neben allen handwerklichen Stärken und dem großen Unterhaltungswert die größte Schwäche des Buches: An keiner Stelle reicht dieser Horror an die Abgründigkeit eines Lovecraft heran. Ob es nun skrupellose Gangster oder ein merkwürdiger Kult ist macht letztlich in diesem Kontext kaum einen Unterschied. Die Regeln bleiben dieselben und die einen sind eine bizarre, geheimnisvollere Steigerung des anderen.

Doch Brubaker wäre nicht der versierte Autor, der er ist, wenn er seiner Serie nicht einen zusätzlichen Twist geben würde: Jeder der zwei bisher vorliegenden Bände behandelt eine andere Epoche. Der erste die 50er, der zweite die 70er, der darauffolgende Teil springt in die 30er zurück. Jedes Mal ändern sich nicht nur der Zeitkolorit, sondern natürlich nutzt er Dekor und Konventionen der jeweiligen Epoche um sein lovecraft’sches Theater zu inszenieren (Einsame Reporter und Cops in den 50ern; Hollywood, Film, Hippie-Kulte in den 70ern).

Alleine schon wegen dieser bekannten Zutaten beschwört auch Brubakers und Phillips‘ Beitrag zum Reigen der Äußeren Götter deswegen sicherlich keinen abgrundtiefen Schrecken hervor. Man kann aber deshalb „Fatale“ ohne Probleme als Bettlektüre empfehlen.

[Zur Rezension diente die englische Paperback-Sammel-Ausgabe.]

 

Ed Brubaker & Sean Phillips
Fatale
Image Comics
Band 1: ISBN 978-1-60706-618-7
Band 2: ISBN 978-1-60706-563-0

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