Graphic Novel – Pierre Wazem & Frederik Peeters, Koma

Tief unter einer Industriestadt arbeitet eine schwarze, massige Kreatur an einer Maschine. Als die Maschine ins Stocken gerät fällt ein Mädchen um: Addidas („Mit zwei D. Nicht wie der Schuh!“). Sie liegt auf dem Boden eines Cafés und der Besitzer beugt sich beunruhigt über sie.
Doch Addidas fängt sich wieder. Wie sie dem Café-Betreiber auf charmant-kindliche Weise erklärt, fällt sie häufig um, immer und immer wieder.

koma_smallIhr Vater, ein Schornsteinfeger in den großen Schloten der Fabriken, ist beunruhigt. Doch selbst ein Spezialist kann an Addidas nichts Ungewöhnliches finden. Doch der Besuch beim Arzt kostete den Vater den Job. Addidas gibt allerdings nicht auf und versucht ihren Teil der Arbeit weiter zu machen. Auf der Flucht vor konkurrierenden Schornsteinfeger flüchtet sie tief hinab in die Schächte unter der Stadt und stößt dort unvermittelt auf jene Kreatur, die bisher immer an der Maschine gearbeitet hat. Nicht irgendeiner Maschine, sondern ihrer Maschine. Der Maschine von Addidas‘ Leben.

„Koma“ von Zeichner Frederik Peeters („Blaue Pillen„, „Lupus“) und Szenarist Pierre Wazem („Im Dunkeln„, „Das Ende der Welt„) kommen beide aus der Genfer Comic-Szene. Ihre Zusammenarbeit kann man deswegen wahrscheinlich als eine geographische Notwendigkeit bezeichnen. Peeters‘ typischer, sehr dynamischer Stil von cartoonesken Tuschezeichnungen schafft hier – zu Beginn der sechsbändigen Serie – eine Welt, die Wazem eine Anmutung von 19tem Jahrhundert gegeben hat: Industriell, voller Rauch, Fabriken, Maschinen und sozialem Elend. Peeters‘ Figuren reflektieren das Leid in dieser zutiefst ungerechten Welt, in dem nur die großäugige Addidas (Peeters zieht alle grafischen Register, um sie dem Leser ans Herz zu legen) sich mit einem naiv-kindlichen Optimismus gegen den die Verhältnisse stemmt.
Eine verwundete und verwundbare Heldin im Kampf gegen ein übermächtiges Schicksal.

Doch die spätestens ab ihrem Zusammentreffen mit der Kreatur aus der Tiefe nimmt die Geschichte eine zunehmend surreale und fantastische Wendung (ab Band 2 der Serie). Und jeder weitere Band fügt dem Verlauf eine weitere, noch fantastischere Wendung hinzu: Verschwörungen von Politik und Sicherheitsapparat, Gulag-artige Gefängnisse, die Suche nach dem ewigen Leben, Traumgebilde in einem Zwischenreich, gottgleiche Kreaturen.

Sowohl in der Anlage, wie auch in der Ausführung erinnert „Koma“ deswegen nicht selten an Sam Kieths 90er-Jahre Alternative Comic-Hit „The Maxx„, nur dass Peeters und Wazem sich nicht im Fundus des amerikanischen, sondern des französischen Comics bedienen, um ihre Geschichte zu erzählen. Genauso wie in „The Maxx“ sind es die Figuren, die einem einen Zugang zu einer Welt offen halten, die zunehmend aus den Fugen gerät, deren Regeln sich während des Fortschreitens der Handlung ändern, bis der Leser vollständig auf unsicherem Grund steht, während zugleich der Horizont der Serie sich immer weiter entfernt. Wie auch in „The Maxx“ wird aus einer anfangs sehr intimen Geschichte, in „Koma“ letztendlich nichts anderes als das Schicksal einer Welt verhandelt.

Man sollte nicht den Fehler begehen, die Verwirrung der Figuren über diesen Verlauf und ihre sich verändernde Umwelt mit der des Lesers gleichzusetzen und sie deswegen zu entschuldigen. Szenarist Pierre Wazem hat bereits in dem auf Deutsch im avant-Verlag erschienen „Im Dunkel“ seine Vorliebe von Realistisches und Fantastisches bewiesen, die sich nicht objektiv erklären läßt.
Peeters‘ Werk hingegen kreist – trotz sich ändernder Settings – immer wieder um psychologisch genaue Beobachtungen. Wenn man also die Geschichte bis zum Ende mitverfolgen möchte, so ist es dies, was „Koma“ bis zum Schluß zusammenhält: Das Mit-Leiden. „Koma“ ist ein Werk, dass sich über die Empathie des Lesers für die Figuren erschließt.

[Auf Deutsch liegen Band 1 bis 5 vor. Der auf Französisch bereits erschienene, finale Band 6 wird bei uns im Mai folgen.]

 

Frederik Peeters & Pierre Wazem
Koma
Reprodukt
Band 1: ISBN 978-3-941099-96-8
Band 2: ISBN 978-3-941099-97-5
Band 3: ISBN 978-3-943143-21-8
Band 4: ISBN 978-3-943143-22-5
Band 5: ISBN 978-3-943143-30-0

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