Graphic Novel – Jack Jackson, Los Tejanos

„Los Tejanos“ ist die Geschichte von Niederlagen und das in mehrfacher Hinsicht: Einerseits weil die Geschichte von den tatsächlichen Niederlagen einer ganzen Bevölkerungsgruppe erzählt, die an den Rand gedrängt und marginalisiert wurde. Andererseits, weil Fantagraphics-Herausgeber Gary Groth in der Einleitung feststellen muß, dass von „Los Tejanos“ in 20 Jahren nur etwas 4000 Exemplare verkauft worden sind. Dennoch hat Fantagraphics an Autor und Zeichner Jack Jackson festgehalten und das nicht nur aus Gründen der Nostalgie.

Jackson war unter seinem Pseudonym „Jaxon“ einer der Pioniere der Underground-Comix-Bewegung der 70er und Mitgründer von Rip Off Press (Heimat des Stoner-Klassikers „Freak Brothers“), doch er war zu sehr ein Künstler, um sich langfristig dem Herausgebergeschäft zu widmen. Stattdessen tauchte der eingefleischte Texaner tief in die Geschichte seines Heimatstaates ein und tauchte 1981 mit „Los Tejanos“ wieder auf, einem Geschichts-Comic, dass so sperrig ist, dass es sich trotz Jacksons Patriotismus kein selbsternannter Patriot ins Regal stellen würde.

los_tejanos_smallJackson erzählt die Geschichte der Gründung des Staates Texas als den kurzen Aufstieg und den tiefen Fall der Tejanos, jener erste Kolonisatoren Texas‘, die nicht aus dem angelsächsisch geprägten Norden Amerikas kamen, sondern von Süden, aus Mexiko. Zu dem Beginn der Geschichte ist Texas nichts als Wildnis und eine spärlich besiedelte mexikanische Provinz. Die Pioniere sind die Tejanos, die mit ihren Ranchos, ihrem Vieh und einigen verfallenen Missionen dem Land ihre Unabhängigkeit abtrotzen. Und diesen Willen zur Unabhängigkeit teilen sie mit den „Texians“, angel-sächsischen Neuankömmlingen aus den noch jungen USA. Beiden Gruppen ist der ferne mexikanische Zentralstaat zutiefst zuwider und sie entschließen sich so zum Unabhängigkeitskampf, dem gemeinsamen Aufstand gegen Mexiko. Dies führt zu „The Alamo„, jenem blutigen Gründungsmythos des texanischen Staates, indem eine Gruppe heldenhafter (in der heutigen Wahrnehmung gerne ausschließlich angelsächsischer) Patrioten sich gegen eine mexikanische Übermacht stellten.

Einer der dort eigentlich an der Seite der heute bekannten „Märtyrer“ der texanischen Geschichte, William Travis und James Bowie, hätte sterben sollen, war Juan Seguin. Dessen Geschichte zeicht Jackson akribisch nach, weil sie symptomatisch für die Geschichte der Tejanos steht. Das Seguin nicht in Los Alamos starb, verdankte er nur der Tatsache, dass er zum Zeitpunkt des mexikanischen Angriffs versucht hatte Hilfe zu holen. Zwar gelang es ihm als Anführer der Tejanos den Kampf und damit die Unabhängigkeit Texas‘ mit zu gewinnen, aber der Sieg erwies sich schnell als Pyrrhussieg für die Tejanos, die nach dem gemeinsamen Sieg schnell von den „Texians“ als Mexikaner diskriminiert und zunehmend verdrängt wurden. Bis zum Ende seines Lebens ist Seguins‘ Biografie ein Hin und Her zwischen Soldatentum, Rebellion und Farmerdasein, zwischen Mexiko und Texas, gekennzeichnet von dem Versuch einer ganzen Bevölkerungsgruppe sich gegen den Rassismus einer wachsenden Bevölkerungsmehrheit zu behaupten.

Jackson illustriert dabei sein textlastiges Comic mit einen bewundernswert detaillierten Tuschestrich, der in seinen besten Momenten an Moebius‘ Blueberry erinnert. Trotz der Beschränkung auf Schwarz-Weiß gewinnen die Zeichung Realismus und erstaunliche Tiefenwirkung durch die perfektionistischen Schraffuren, die auch mit den Details an Uniformen und Verzierungen an Sätteln und Waffen nicht Halt machen. In dieser Präzision zeigt sich Jackson großes Bemühen die historischen Fakten genauestens einzufangen, was sich auch in seinen manchmal statisch wirkenden, aber immer den historischen Vorlagen verpflichteten Figuren zeigt.

So beschränkt sich Jackson auch lieber darauf seine Geschichte in Captions zu erzählen, was angesichts des historischen Stoffes vollkommen angemessen ist. Dies führt natürlich dazu, dass sich „Los Tejanos“ auch eher wie ein Geschichtsbuch liest. Die Bilder illustrieren das Geschehen und bebildern die in den Captions gemachten Andeutungen. Natürlich hat Jackson aber alle Texte in einem meisterhafte Hand-Lettering in passender Western-Typo gehalten, deren Präzision in der prä-digitalen Comic-Ära sicherlich ihresgleichen sucht.

Die von Fantagraphics neu herausgegebenen Ausgabe umfaßt neben „Los Tejanos“ aber auch noch „Lost Cause, ein weiteres, gleich aufgebautes Comic, dass sich zeitlich direkt an „Los Tejanos“ anschließt. Der Band umfaßt die Zeit nach dem amerikanischen Bürgerkrieg und deren Wirren. Im Zentrum des Geschehens steht dabei ein anderer texanischer Mythos, der Revolverheld Wes Hardin.
Obwohl „Lost Cause“ thematisch und inhaltlich nahtlos an „Los Tejanos“ anschließt, fehlt dem 18 Jahre später erschienen Comic der Perfektionismus der „Los Tejanos“ zueigen ist. Die Zeichnungen sind lockerer, die Schraffurarbeit weniger detailliert, die aufwendige Western-Typo ist einer klassischen Comic-Typo gewichen.
Trotzdem bleibt auch „Lost Cause“ immer interessant und lesenswert.

Mit dem Doppelband und dem Bemühen um Jacksons Vermächtnis (er starb 2006) hat Fantagraphics einiges Lob verdient: Jacksons Arbeit mag vielleicht kein Meilenstein der Comic-Kultur sein, aber wer den Band einmal in den Händen gehalten hat wird wenig Zweifel daran haben, dass Jackson zu den Altmeistern gehört hat und dass gerade neben „Los Tejanos“ in all seiner staubigen, blutigen und detailversessenen Unmittelbarkeit jedes andere Comic wirkt wie ein x-beliebiger Hollywood-Blockbuster neben einem John Ford-Film.

 

Jack Jackson
Los Tejanos and Lost Cause
Fantagraphics Books
ISBN 978-1-60699-504-4

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