Graphic Novel – Julien Neel, Lou!

Manchmal ergänzt sich die Lektüre merkwürdig. Nachdem ich in einem Second-Hand-Laden Julien Neels „Lou!“ ausgegraben habe, fiel mir auf, dass Neel auch eine der Figuren in dem Comic-Blog von Boulet ist. Boulet, selber Comiczeichner und gnadenloser Chronist seiner mal mehr, mal weniger erfolgreichen Karriere (zumindest nicht im Vergleich mit Neel) ist leider auf Comic-Messen immer wieder damit konfrontiert, dass er neben Neel signieren muß. Während sich an Neels Stand die Massen (und vor allem die Mädchen) drängen, herrscht bei ihm gähnenden Menschenleere, was bei ihm immer wieder zu depressiven Schüben sorgt.

Nachdem ich mit dieser lustigen Anekdote erfolgreich über die Tatbestand hinweggetäuscht habe, dass ich die Intention habe ein Comic beinahe 10 Jahre nach seinem ersten Erscheinen zu rezensieren, komme ich zum Thema: Das unglaublich erfolgreiche und bei Mädchen aller Altergruppen beliebte „Lou!“ (Das nicht zuletzt auch eine erfolgreiche Trickfilmserie ist!)
Also warum ist „Lou!“ so unbeschreiblich erfolgreich, dass die bloße Anwesenheit seines Autors für Depressionen bei seinen Kollegen sorgt?

Vielleicht ist es die Tatsache, dass Neel auch noch behauptet ein Autodidakt zu sein, der bloß wegen seiner Zirkuseltern und eines langen Krankenhausaufenthaltes dazu kam seine Zeichnungen an ein Magazin für Kinder zu schicken, wo diese solche Begeisterung auslösten, dass er sofort engagiert wurde. Das Neel schon vorher als Illustrator gearbeitet hat und ausgebildeter Werbegrafiker ist… Details!

louAber gerade in dem ersten Band von „Lou!“ (im Deutschen mit dem etwas merkwürdigen Titel „Klitzegeheimes Tagebuch“ versehen) zeigt sich diese Veröffentlichungsweise deutlich: Die Geschichte um die 8-9jährige Lou wird in einzelnen Seiten erzählt. Ganz dem klassischen Comicstrip verpflichtet schließt jede Seite mit einem Gag ab, ganz egal ob es um Lous Hang zum expressionistischen Theater, das Ausführen von Hunden oder erste Versuche mit der Gitarre geht.

Doch Neel verliert dabei den Blick auf die gesamte Geschichte nicht, sondern leistet es sich im Laufe der Serie immer häufiger sich von dem 1-Seite-1-Gag-Prinzip zu lösen. Zudem, wenn es um Lous Begeisterung für den Nachbarsjungen Tristan, den (zuerst erfolglosen) Bemühungen ihrer erfolglosen Schriftstellermutter um den Nachbarn Richard oder um Lous verschwundenen Vater geht, dann enden die Seiten auch mal melancholisch, mal verträumt, aber immer emotional auf den Punkt gebracht.

Gerade dies macht die Wirkung von „Lou!“ als Serie aus und begründet ihren Erfolg: Obwohl es eine Geschichte für Kinder ist, macht Neel (trotz rosa Einband!) nicht den Fehler sie allzu sehr unter Zuckerguß zu begraben. Seine Heldin ist glaubwürdig, niemals schlauer oder stärker als die Leser und Leserinnen; und diese finden ihre eigenen Probleme auch in denen von Lou wieder. Das Neel dabei durchaus glaubwürdig eine moderne Welt voller Videospielekonsolen und Handies erzählt (und keine Fantasiewelt) rückt sie noch einmal näher an unsere Welt heran.

Jede Form von Härte wird dabei aber vor allem von Neels graphischer Gestaltung abgefedert: Die unglaubliche bunten, nur mit einem leichten Pastelton zurückgenommenen Farben mit feinen Linien und runden Kurven würde an anderer Stelle vielleicht bestenfalls zu Kitschpostkarten oder rosaroten Samstag-Morgen-Cartoons reichen. Neel widersteht diesem Drang, auch wenn seine Figuren mehr mit Samstag-Morgen-Cartoons als mit anderen französischen Comics gemein haben. Die Niedlichkeit, die Knopfaugen machen die Figuren für Kinder lesbar.

„Lou!“ ist deswegen ein perfektes Beispiel für einen Comic, dass es versteht genau in seine Zeit zu passen: Einerseits ist es niedlich genug um niemals anzuecken und damit perfekt vermarktbar, andererseits zieht es seine Spannung aus den Konflikten eines glaubhaften Alltag eines jungen Mädchens in einer großen Stadt (und im zweiten Band auf dem Land). Julien Neel präsentiert einen Slice-of-Life für Kinder und vielleicht ironischerweise ist er damit seinem Kollegen Boulet und seinem Blog garnicht so fremd.
Mit der Ausnahme, dass Neel natürlich ungleich erfolgreicher ist…

 

Julien Neel
Lou!
Tokyopop
Band 1: 978-3867199544
[Es liegen bis jetzt 5 Bände vor, Band 6 ist in Frankreich bereits erschienen und folgt im September in Deutschland.]

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