Graphic Novel – Jean-David Morvan & Philippe Buchet, Sillage

„Sillage“ wird ins Deutsche zumeist mit „Kielwasser“ übersetzt, was allerdings den Begriff nicht im Ganzen umfaßt. Tatsächlich steht er für jede Form von Nachwirkung, die ein sich bewegendes Objekt verursacht. Es kann deswegen auch als Synonym für Geschwindigkeit, Spur oder Folge verwendet werden.

Gerade diese Mehrdeutigkeit ist es die das französische Comic „Sillage“ für sich in Anspruch nimmt: Hier ist „Sillage“ der Name eine schier unermesslichen Weltraumflotte, die aus den unterschiedlichsten Raumschiffen der unterschiedlichsten interstellaren Rassen und Spezies besteht. In ihrer schieren Größe verändert sie durch ihre bloße Präsenz.

Dies ist auch der Fall für Nävis, die abrupt aus ihrem Leben als einzige Überlebende eines Raumschiffabsturzes gerissen wird, als ihr idyllischer Dschungelplanet in den Fokus von „Sillage“ gerät. Nachdem sie einen moralischen Pyrrhussieg gegen deren Übermacht errungen hat, wird sie kurzerhand und nicht ganz freiwillig in die Machtstrukturen der reisenden Weltraumkolonie integriert.

Als gegen Psykräfte immune und durch ihre isolierte Jugend und Kindheit trainierte Agentin ist sie die ideale Kandidatin, um im Auftrage des nicht selten machiavellistisch handelnden Staates zu agieren. Als Kundschafterin und Spezialagentin findet sie sich immer wieder mitten in den Auseinandersetzungen fremder Planeten wieder, was sie allerdings weniger persönlich trifft, als das sie nicht selten auch selber das Zentrum des Interesses ist. Als einziges bekanntes Mitglied der Spezies Mensch ist sie gleichermaßen Akteurin, wie auch wichtiger Puzzlestein im Machtgefüge der Raumkolonie.

sillageDie wechselnden Schauplätze bieten Zeichner Philippe Buchet aber vor allem auch den willkommenen Vorwand frei zwischen Handlungsorten, Zeitzonen und Genres hin- und herzuspringen: Science-Fiction und Space Opera gehören bei ihm ebenso zum Repertoire, wie Fantasy, Bürgerkriegs- und Weltkriegsszenarien. Sein sehr feiner Strich ist deutlich an der französischen Schule des Abenteuercomics orientiert, wobei er allerdings grundsätzlich realistischere Formen und Proportionen bevorzugt. Zwar wurde Buchet zwischenzeitlich mit der Serie „Nomad“ auch mal dem „Franko-Manga“ zugerechnet, aber man kann heute klar sagen, dass er sich zwar die Dynamik, aber weder die Formen, noch die Erzählkonventionen japanischer Comics zu eigen gemacht hat.

Der ebenfalls an „Nomad“ bereits beteiligte Szenarist Jean-David Morvan kann derweil als einer der größten Routiniers des französischen Comics bezeichnet werden. Mit der Liste seiner Publikationen ließe sich mehrere Seiten füllen. Vielleicht ist das ein Grund, warum man von ihm kein Übermaß an Originalität erwarten darf: Man darf von Morvan weder eine originäre Science-Fiction-Vision erwarten, noch philosophische oder psychologische Studien. Zwar zitiert Morvan mal hier, mal dort entsprechende Referenzen, aber letztendlich geht es ihm um Unterhaltung. Er ist sich nicht zu schade, auf sehr französische Art und Weise „Sex and Crime“ zu servieren. Die politischen Intrigen und die Konflikte auf fremden Planeten nutzt er ebenso um Nävis in sexy Outfits mal als asiatisch anmutende Martial-Arts-Action-Heldin, mal als Pinup-Girl, mal als Bürgerkriegsikone zu inszenieren. Falls er denn Kleidung überhaupt für notwendig erachtet.

Dennoch ist es interessant sich der Referenzpunkte von Morvan bewußt zu werden: Zwar mag man die Action nicht selten an Joss Whedon’s „Firefly“, und die Inszenierung des Weltraumconvois an die Originalversion von „Battlestar Galactica“ erinnern, aber es steckt auch jede Menge des französischen Sci-Fi-Klassikers „Valerian und Veronique“ zwischen den Zeilen. Man kann „Sillage“ durchaus als eine an den Zeitgeschmack angepaßte Action-Version von „Valerian und Veronique“ lesen, so dass sich die Gemeinsamkeiten mit amerikanischen Vorlagen erstaunlich reduzieren.

Dies mag sicherlich auch einen großen Teil des Erfolgs von „Sillage“ in Europa ausmachen: Während man die Figuren, Konventionen und Themen der bei uns so weit verbreiteten amerikanischen Science-Fiction von Asimov über „Star Trek“ und „Star Wars“ bis Zelazney zur Genüge kennt, kann sich „Sillage“ davon abheben: Dazu gehört beispielsweise eben auch, dass die Heldin eben keine großbusige „Bombshell“ mit Riesenwumme, sondern eine durchtrainierte, junge Frau ist, der man ebenso die lockeren Sitten, wie die Action tatsächlich abnimmt.

Nicht zuletzt dadurch hat es „Sillage“ in den 15 Jahren seit seinem ersten Erscheinen auf ebenso viele Bände gebracht. Wie so viele erfolgreiche französische Comics gab es dann prompt auch noch zwei Spin-Offs namens „Nävis“ und „Chroniques de Sillage“ und einige Sonderbände (etwa das Artbook „1000 Nävis“) dazu, was die Gesamtzahl auf mindestens 26 Bände anhebt.

Es soll deswegen hier auch nicht verschwiegen werden, dass viele Fans der Serie mit dem Erscheinen der letzten Bände einen Qualitätsverlust beklagt haben, was angesichts der bloßen Menge des Materials auch nicht weiter verwunderlich ist. Zudem sind sowohl Morvan, als auch Buchet noch mit anderen Serien auf dem Markt vertreten.

Trotz dieser Einschränkung läßt sich sagen, dass „Sillage“ und seine Heldin Nävis aus dem französischen Comicmarkt nicht mehr wegzudenken sind. Der Name der Serie steht deswegen beinahe auch für ihre Rolle im französischen Comicmarkt, denn sie definiert geradezu prototypisch was französische Action-Science-Fiction heutzutage ausmacht (mehr als das außergewöhnliche „Sky Dolls„) und warum das franko-belgische Comic insgesamt seinen globalen und interstellaren Rivalen im Unterhaltungswert mehr als ebenbürtig ist.

[Im Deutschen liegen derzeit 14 Bände vor. Der 15. Band ist in Frankreich bereits erschienen.]

 

Jean-David Morvan & Philippe Buchet
Sillage
Carlsen Comics
Band 1: ISBN 978-3-551-74191-2

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