Graphic Novel – Boulet, Bouletcorp/Notes

Boulet hatte ich bereits in einer meiner letzten Rezensionen erwähnt. Aber heute will ich ihn mal richtig vorstellen…

Boulet (mit bürgerlichem Namen Gilles Roussel) dürfte in Deutschland der Mehrheit der Deutschen Comicleser nur als einer der Illustratoren von Trondheims und Sfars ausufernder „Donjon“-Reihe bekannt sein (Donjon Zenith 5 & 6). Dabei ist er seit dem Ende seiner Studien ein sehr umtriebiger Künstler gewesen. Sein kommerzieller Erfolg begann direkt nach seinem Studium, mit seinen Beiträgen zum Magazin „Tchô“. „Tchô“ ist ein Ableger des in Frankreich wahnwitzig erfolgreichen Comics „Titeuf“ (Deutsch bei Carlsen). Erst als er dort bereits ein etablierter Illustrator und Szenarist war legte er seine erste eigene Serie, das in Deutschland bisher nicht erschienene „Raghnarok“ vor.

Warum ist das alles interessant? Weil all diese kleinen Details Elemente des Comicblogs „Bouletcorp“ ist, dass er 2004 zu schreiben und zu illustrieren begann. Damit schuf Boulet – gerade als Blogs begannen sich im Mainstream zu etablieren – einen der ersten Comicblogs in Frankreich. Obwohl fast sehr viele aus dieser frühen französischen Comic-Blogger-Riege Erfolg hatten (Frantico, monsieur le chien), ist wahrscheinlich nur Souillon mit dem Anime-esken „Maliki“ noch erfolgreicher als Boulet.

boulet_smallBoulets Erfolg und der seiner Mitstreiter war nicht zuletzt einer der Gründe, warum Frankreich im Vergleich zum anglo-amerikanischen Markt (mal wieder) einen Sonderweg ging: Statt der fiktionalen Webcomics setzte sich das autobiografischere und an ein älteres Publikum gerichtete Blog durch. Zudem sich die Comic-Blogging-Szene immer weiter diversifizierte (etwa durch Margaux Motin und Pénélope Bagieu) und schließlich wieder in den klassischen Comic-Markt zurückfloß. Währenddessen blieb Boulet unermüdlich weiter tätig und spätenstens 2008 als sein Blog in Buchform unter dem Titel „Notes“ erschien, war er und sein Blog aus der französischen Comic-Szene nicht mehr wegzudenken.

Der Erfolg von Boulet liegen dabei drei verschiedene Elemente zugrunde: Erstens ist Boulet ein professionell ausgebilderter Illustrator, kein enthusiastischer Amateur wie sie sonst häufig im Netz zu finden sind. Auch wenn er meistens einen spontanen, karikaturhaften Stil pflegt, erkennt man schnell an der Dynamik seines Strichs und an dem Auge für Details, dass ein Profi am Werk ist. Zudem überrascht er immer wieder mit farbigen, teils extrem ausgearbeiteten oder auch mal experimentelleren Seiten. Man merkt, dass Boulet sein Blog nicht zuletzt auch nutzt um seiner künstlerischen Kreativität freie Bahn zu lassen, ohne sich durch die strenge Form einer Serie einschränken zu lassen.

Zweitens war und ist Boulet immer noch als Szenarist tätig (etwa in dem großartigen, gerade erschienen „Wie ein leeres Blatt„). Ja, im Kern erzählt sein Blog „nur“ aus seinem Leben. Anekdoten reihen sich an Anekdoten, doch seine Tagträume und Fantasien reißen mit diesen aus: Computerspielen wird zum post-apokalyptischen Fantasy-Szenario, Urlaubserlebnisse schwanken zwischen Horrortrip und epischem Naturerlebnis und Gott ist ein Webdesigner, der bei Gewitter zuviel Photoshop verwendet. Das ist eine inzwischen bei Comic-Blogs etablierte Herangehensweise, die Boulet nicht zuletzt mit geprägt hat.

Und hier kommt das dritte Element ins Spiel: Boulets Blog ist wirklich witzig. Ihm gelingt es genau jene Mischung zwischen präziser Lebensbeschreibung und Humor zu finden, die den Leser gleichermaßen unterhält, wie es ihn auch sich in den Comics wiederfinden läßt. Seine kürzlich erschienen Kurzgeschichte über einen Mann der seine verschiedenen vergangenen Ichs miteinander vertauscht, ist zugleich brüllend komisch, wie auch eine ausgesprochen treffende Beobachtung darüber wie unser Gedächtnis funktioniert. Außerdem muß man erst einmal jemand auf die Idee kommen seine Freundin als Triceratops in eine Geschichte einzubauen.
Es ist diese Mischung, die dazu geführt hat, dass Boulet 8 Jahre nach seinem ersten Blogeintrag immer noch genauso relevant ist wie damals.

Obwohl die Blogsammlung „Notes“ (inzwischen in 7 Bänden) bisher nicht auf Deutsch erschienen ist, veröffentlicht er alle seine Blogbeiträge auch auf Englisch, so dass es keinen Grund gibt sich nicht darin zu verlieren!

 

Boulet
Notes
Delcourt – Shampooing
Band 1: ISBN 978-2-7560-1454-8

Kategorien Blog | tagged , , , , , , | Bookmark permalink

Kommentare sind geschlossen.

  • Glossar
    Das wilde Dutzend Verlag
  • Facebook
  • Kontakt
    Das wilde Dutzend Verlag
    Hagenauerstr. 2
    D-10435 Berlin
    fon: 030 28 88 31 99
  • Google+
  • Newsletter
    Monatliche News aus Berlin
    * indicates required
  • Adeles Salon
    Das wilde Dutzend Verlag
  • Tagcloud